Da steht er nun vor mir: „The Big German“.

Mehr als zwei Meter groß, breit wie ein Schrank, 148 Kilo. Die blonden Haare wild über den Kopf verteilt, unter dem gelben Shirt blitzen die Tattoos hervor. Edwin Steinblock, den alle nur Eddy nennen, dieses Wrestling-Urgestein. Seit 33 Jahren steht er im Ring, nimmt seine Gegner in den Schwitzkasten, wirft sich auf sie, kämpft, als gäbe es kein Morgen mehr. Als erster Europäer hält er Titel in fünf Ligen weltweit.

Heute soll sich das ändern. Dann will der Amerikaner Colt Cabana, ehemaliger WWE-Champion, sich den Gürtel schnappen. Um den EPW-Titel im Schwergewicht zu gewinnen, kämpft er zum ersten Mal in seinem Leben von in Europa und fordert  „The Big German“ heraus. Als Eddy Steinblock seinen ersten Kampf hatte, 1982, da war Colt Cabana, der eigentlich Scott Colton heißt, gerade einmal zwei Jahre alt.

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Pier 2. Hier soll das Spektakel stattfinden, zwei Tage brutale Kämpfe, in der Mitte der Ring, drum herum Fans, die die Catcher anfeuern, und Wrestler, die sich feiern lassen. Showkampf, in dem auch die Charaktere zählen, die grundsätzlich immer böse sind, aber auch eine komödiantische Seite haben, manchmal zumindest. Das sieht man schon auf den Bildern der Ringkämpfer: Adam Polak aus Polen mit weit nach unten gezogenen Mundwinkeln, Dragan Spazic aus Bosnien mit Fellmütze auf dem Kopf und Zunge zwischen den Lippen, Colt Cabana mit fletschenden Zähnen.  Noch sind sie nicht hier, noch wird aufgebaut, werden Eckpfeiler gesetzt und Seile gezogen, Banner aufgehängt. Das Restaurant „Friesenhof“ wirbt hier unter anderem, vielleicht passt das zu der Zielgruppe, denn auch Eddys Fans sind älter geworden.

„Und jetzt hau ab!“

Eddy sitzt auf einem Biertisch am Rande der Halle, alle zwei Minuten klingelt sein Handy. Die Tickets für die Abendkasse müssen noch vorbeigebracht und Gästelistenplätze vergeben werden. Dann noch jemand, der ihm einen Zaun bauen soll für sein Haus außerhalb von Bremen. „Du alter Pfeifenkopf“, ruft Eddy ins Telefon und lacht. Das ist sein Umgangston, den auch die Jungs vom Bremer Getränke-Start-up Papa Türk zu spüren kriegen. 1000 Dosen sollen sie liefern. „Und jetzt hau ab“, sagt Eddy zu ihm und zwinkert. Alles ein bisschen viel im Moment, Stress. „Ist aber nicht böse gemeint“, ruft er dann noch hinterher. So wie im Ring: das Fiese ist nur eine Masche.

Eddy kann auch lustig sein, dass hat er in etlichen Filmrollen gezeigt. Seine bekannteste dabei war der Charakter des „Jupp“ in Tom Gerhards Klassiker „Voll normaaal“, zuletzt war er bei Paul Panzer und Kaya Yanar in der Show zu sehen. Eddy kann auch tierlieb sein: Seinen Boxer-Mischling Sparky hat er aus dem Tierheim an der Hemmstraße geholt, nachdem der Hund halb verhungert angebunden an einer Brücke in Huchting gefunden wurde. Ich lächle. Wusste ich doch, dass hinter dieser harten Schale ein weicher Kern sitzt.

„Manchmal auch Helene Fischer.“

Auch alles andere passt zum Klischee: Eddy trainiert viel, in seinem eigenen Fitnessstudio, vier Mal die Woche zweieinhalb Stunden, dazu Walken, Fahrradfahren, Laufen für die Kondition. Dabei hört er – natürlich – Hardrock, am liebsten Rammstein, ACDC, aber auch die Stones und Led Zeppelin. „Manchmal auch Helene Fischer“, grinst er. „Aber das muss nicht immer sein, lieber selten.“ Gerade isst er noch ein Brötchen mit Fisch, er hätte lieber Frikadelle gehabt, aber so ist das, ist auch ok. Seinem Team spendet er eine Runde Cola, dann geht’s weiter mit dem Aufbau.

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Samstagabend im Pier 2. Eddy muss gegen Colt Cabana ran. Beziehungsweise: Colt Cabana darf gegen Eddy ran. Steht der Gewinner schon fest? „Natürlich nicht“, empört sich Eddy. „Das ist Profi-Ringkampf, da wird nichts abgesprochen. Da wird gekämpft.“ Dann steht er auf, „The Big German“, dieser Riese, der doppelt so viel auf die Waage bringt wie ich. Er wird mir die Knochen brechen, wenn ich ihm die Hand gebe, denke ich. Macht er aber nicht.

Das hebt er sich für Colt Cabana auf.

„Collt Cabana hat gerade alles in Asien plattgemacht“

Auf geht´s in die Umkleide, Klamotten aus, Wrestling-Dress an. Dann, nach 22 Uhr, ist es endlich soweit: Colt Cabana läuft zu seinem eigenen Song ein, pöbelt die buhenden Zuschauer an, streckt dem Schiri den Mittelfinger ins Gesicht. Eddy, „The Big German“ erscheint zu „We will rock you“ im Nebel. Zu der Nationalhymne zuckt er mit den Brustmuskeln im Takt, den Körper hat er zuvor mit fünf Kilo Fisch (bis 15 Uhr) und ordentlich Eiweiß (nach 15 Uhr) aufgepumpt.  „Colt Cabana hat gerade alles in Asien plattgemacht“, sagt Eddy. „Hier geht es heute um einiges.“

 

Anruf aus Amerika. „Der Kampf wird nach Streetfight-Regeln stattfinden“, verkündet Moderator Frank Fehrmann aus Dresden. Also: Alles ist erlaubt. Die Glocke läutet. „Eddy, reiß ihm den Schädel ab“, ruft einer von links, Typ BWL, kariertes Hemd, randlose Brille. Eddy streckt Cabana die Zunge raus, der reagiert mit englischen Beleidigungen. „Halt die Fresse, du Arschloch“, poltert Eddy. Das Publikum grölt. Dann, plötzlich, rollt sich Cabana aus dem Ring, wirft mit zwei Stühlen nach Eddy. Der Kampf findet jetzt im Saal statt, Cabana schmeißt Eddy, diesen 148-Kilo-Riesen,  auf den Tresen, an dem der Barmann Sekunden vorher ein leeres Bierfass platziert hat, und donnert es ihm auf den Brustkorb.

„Kommt raus, ihr Kackvögel“

Raus in den Garderobenraum, die Menge folgt ihnen. An die Wand drücken, auf Tische schmeißen, Schreie, Stöhnen, Fluchen. Eddy schmettert Cabana in die Stuhlreihe, die sich scheppernd in zwei Hälften teilt, bis zu dem Platz, an dem die Senioren sitzen. Finale im Ring, Eddy wird mit Handtuch gewürgt, es sieht schlecht aus für ihn. Doch er kann das Ruder drehen, den Herausforderer auf den Boden drücken. Eine, zwei, drei Sekunden – und „The Big German“ gewinnt. Eddy reißt die Hände in die Höhe, zwei Schiris schleifen Cabana zurück in die Umkleide.

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Weltmeisterzeremonie, „We are the Champions“, posieren für die Fotos. „Kommt raus, ihr Kackvögel“, brüllt Steinblock. „Oder habt ihr Muffe?“ Die Catcher kommen zum Gratulieren, und dann ist die Show vorbei.

Eddy hat gewonnen, die Legende lebt weiter.

Und mit ihr Wrestling in Bremen.

 

 

Fotos: Joshua Hartmann