Wenn andere hören, dass ich im Bremer Schnoor wohne, sind die Reaktionen darauf meistens überraschend für mich. Mein Gegenüber nimmt vielleicht an, dass ich in einem Schlafsack inmitten von Touristenströmen liege und niemals Ruhe finden kann. Manchen ist das Viertel sogar unbekannt. Andere Reaktionen beschreibt ein „Oh, wie schön, ich liebe den Schnoor – es ist so schön heimelig dort!“ ganz gut. Wie immer liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Tagsüber drücken sich manchmal bis zu 80 Touristengruppen samt Führer durch die kleinen Gassen und parallel auf ihre Auslöser. Dazu kommen noch die Touristen, die es auf eigene Faust in den Schnoor geschafft haben. Oftmals mit dem Ziel Böttcherstraße. Das bunte Treiben geht so bis in den Abend hinein. Dann bieten die Nachtwächter samt Hellebarde und Holzlaterne die letzen Führungen an.

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Das hört sich stressig an, hat aber durchaus seine positivenSeiten. Öffne ich das Wohnzimmerfenster, höre ich Englisch, Italienisch, Russisch, Spanisch, Japanisch, Polnisch, Chinesisch. Eigentlich jede erdenkliche Sprache, die auf dem Erdball gesprochen wird. Es stellt sich unmittelbar ein Urlaubsfeeling ein. Das gemächliche Treiben, die gut gelaunten Rentner mit ihren Altherrenwitzen und spielende Kinder erfüllen dann den Raum mit Leben.

Der Zauberer mit rotem Schal und Zylinder kommt pünktlich um elf zur Arbeit und lässt sofort Kinderherzen höher springen. Um drei kommt der stille Mann mit der Gitarre und stellt sich schräg unter mein Fenster. Nachdem er das zweite oder dritte mal Hans‘ Albers „La Paloma“ herunter geklampft hat, zieht er weiter. Ab und zu brüllt der Henker die Straße herunter und rasselt mit seinen Ketten, um auf das Bremer Geschichtenhaus aufmerksam zu machen, in dem 300 Jahre Bremer Geschichte zum Leben erweckt werden. Eine sehr schöne Kulisse.

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Wer Bier mag, darf sich einen Besuch im „Grebhan’s Bier“ nicht entgehen lassen. In der kleinen Hausbrauerei wird seit kurzem Craft Beer in Variationen aus besten Zutaten hergestellt. Zudem sind die Regale voll von weiteren Bierspezialitäten aus aller Welt.

Natürlich kann man im Schnoor auch viel kaufen. Zum einen gibt es die von Künstlern unterhaltenen Galerien, Ateliers und Goldschmieden, die Kunst mit Anspruch und Grazie anbieten. Weiter gibt es natürlich die Gastroszene. Es wird von der deftigen Bremer Küche über spanische Tapas bin hin zu pazifischen Genüssen viel geboten. Schleckermäuler finden hier aber auch ein gutes Guinness, die perfekte Eiskugel oder ein deliziöses Tortenstück aus der Schnoor Konditorei.

Schnoor_06Dann gibt es da dann noch die Geschäfte mit Nippes. Man kann die Stadtmusikanten als Kerze oder aus Marzipan kaufen. Es gibt Bremer Kluten für die Daheimgebliebenen oder das Wahrzeichen des Schnoors, die Eule, in allen Variationen. Manchmal wünscht man sich davon natürlich weniger, aber irgendwie gehören sie ja auch in den Schnorr und machen das Bild somit perfekt.

Am Abend, wenn die letzten Restaurants spätestens um 23 Uhr schließen, wird es ruhig im Schnoor. Man könnte meinen, dass der letzte Nachtwächter die Tore zum Viertel geschlossen hat. Das ist die Zeit, in denen das Viertel die Ruhe bekommt, die es am Tag vermissen lässt. In diesen Stunden kommen viele Fotografen in die Gassen, um ungestört nächtliche Aufnahmen zu machen.

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Der Schnoor hat schon so einige Jahrhunderte hinter sich gebracht. Die ältesten Häuser stammen aus dem Mittelalter, als sich die kleine Balge noch durch das Viertel schlängelte. Er sollte sogar schon einmal abgerissen werden. Die Politik meinte, dass das Viertel Parkplätzen für die Kaufhäuser in der Innenstadt weichen sollte. Ein Glück, dass sich eine Bürgerinitiative dagegen durchsetzen konnte. Heute gilt es als eine der Bremer Attraktionen und kein Politiker kommt noch auf den Gedanken, es dem Erdboden gleich zu machen.

Es gibt somit zwar von der Geschichte her in der Innenstadt und insbesondere im Schnoor so gut wie keine bezahlbaren Parkplätze, allerdings kann ich mit solchen Entbehrungen wirklich gut leben. Das Leben im Schnoor-Viertel bietet alle Vorteile eines kulinarisch und kulturell belebten Ortes. Die Menschen sind herzlich, man kennt sich.

Ich lade daher Euch alle herzlich ein, den Schnoor einmal selbst zu entdecken! Liest hier vielleicht sogar jemand mit, der ebenfalls dort wohnt?