Eine Fahrradtour zur jazzahead! Clubnight klingt nach einer etwas ungewöhnlichen Abendveranstaltung, andererseits kommt man per velo schneller in eine der 34 Spielstätten innerhalb Bremens und schafft einen nahezu nahtlosen Konzertübergang. Drei Touren mit verschiedenen musikalischen Oberthemen wurden dieses Jahr angeboten, in Kooperation mit dem ADFC Bremen.

Vorab haben wir uns gefragt: Wie sieht das aus? Wie viele Leute wollen sowas machen?  Tom, Fotograf, mutmasst: Da kommt keiner, das Wetter ist zu kalt, wir können gleich wieder nach Hause. Ich denke derweil an lauter radfahrende, ergraute Oberstudienräte, die zum Jazz in der Stadt auch gerne kilometerweit radeln und damit Sport und Kultur an einem Abend gemeinsam im Sack haben.

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Wir kommen an der Halle 7 auf der Bürgerweide an, und es sind mitnichten nur Oberstudienräte oder keiner da. Auch ist der Frauenanteil, wie von Tom befürchtet, nicht zu gering. 28 TeilnehmerInnen haben sich für die Clubnight Tour 3 angemeldet, so dass der ADFC Bremen entschied, lieber zwei Gruppen a 14 Menschen zu bilden. Das Alter liegt bei 30 bis 65. Gruppe 1 fährt schonmal los und ist auch den Rest des Abends immer schneller als wir – Gruppe 2 – 13 RadlerInnen, irgendwer fehlt, aber egal, um 18:36 Uhr treten wir in die Pedalen. Die Vorhut bildet Klaus-Peter Land mit gelber ADFC-Weste, die Nachhut ist Antje Hofmann, beide Liegeradfahrer. Regeln: Allgemeine Verkehrsregeln sollte jede(r) selbst beachten, der Vorfahrer darf nicht überholt werden. Die Lahmsten werden von Antje eskortiert. Check. (Ist aber keiner lahm hier.)

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Los geht’s durch Findorff, durchs Stephaniviertel und zur Weserburg. Noch nie bin ich unter der Stephani-Brücke entlangeradelt, erster Freu-Punkt. Es ist echt kalt, aber wir sind ja gleich da. In der Weserburg latschen alle zunächst fünf Stockwerke hoch, um dann wieder vier hinunterzugehen: In Etage 1 findet das Konzert vom Schweizer Trio „Plaistow“ statt.

lovebremen_werradelt12Minimalistische Musikexperimentation mit musealem Hintergrund; die Location passt ganz gut, der Sound eher weniger zum angekündigten „Groove, Jazz, Pop“ der Tour 3. Mit geschlossenen Augen ein meditativer Sound, der aufbricht, verdichtet, verliert und wiederfindet. Ganz nett, aber einige Radler suchen schon bald das Weite bzw. die kleine Bar im Foyer. Und schon sind wir nur noch elf.

Sonne draußen, 19:45 Uhr, wir müssen jetzt sechs Kilometer nach Habenhausen radeln. Toller Radweg, am Werdersee entlang, blühende Bäume, kalte Luft, Bock auf mehr Musik.

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Leider radelt man eher hintereinander weg und kann sich so nicht gut unterhalten, aber das ist wohl im Konzept auch nicht vorgesehen: Radeln statt Sabbeln, was ich schade finde, denn man lernt die Gruppe zu keinem Zeitpunkt kennen, da es auch keine klassische Vorstellungsrunde gibt (finden einige sicher gut so. Neue Menschen treffen und kurz was über sie erfahren, so viel Zeit sollte sein, rein für die Gruppendynamik.) lovebremen_werradelt6Zum Beispiel die Tandem-Radler Jan und Birgit, oder Karin, neben denen ich unerlaubterweise herfahre und sie was frage.

In der Habenhausener Simon-Petrus-Kirche erwartet uns Elisabeth Lohninger mit Band. Schmales Publikum, den Hauptteil bilden wir Radler, schöne Kirche, schöner Klang, schöne Sängerin. Ein interessantes musikalisches Konglomerat aus gefälligem Jazz und so aus der Hüfte geschossenen ‚Wir-können-auch-anders‘ Latino Rhythmen, fast fusionartige Stücke; großartige Musiker, das wird schnell klar. Passt schon besser zum angekündigten Thema des Abends.lovebremen_werradelt7 Pluspunkt: Der Pastor gemahnte das Publikum bereits draußen: Sie dürfen Ihren Wein auch mit reinnehmen in die Kirche. So mag ich sakrale Orte, immer schön weltlich bleiben. Karin sagt: Oh, der Bassist ist aber echt gut trainiert. Diese Oberarme! Ich sag: Stimmt. Aber der ist doch zu klein. Karin kichert kurz.

Als wir herauskommen, ist die Bestürzung groß: Es regnet. Die versierten Radler ziehen mienenlos ihre Regenkleidung an. Nächstes Ziel: das ‚filosoof‚ im Buntentorsteinweg. Es regnet nicht, es hagelt. So doll, dass es wehtut. Kurze Pause unter der Habenhausener Brücke südwärts.

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Als es nur noch nieselt, radeln wir weiter und kommen ziemlich pünktlich im Sudhaus der Schwankhalle an. Für die Radler sind Tische reserviert, super Orga! Leider werden sechs Menschen die ersten 25 Minuten vom Personal ignoriert, und spätestens jetzt wird klar: Das Radeln macht Hunger. Und Durst. Und überhaupt, warum fangen die plaudernden Musiker jetzt nicht mal an? Ein Mitradler aus Gruppe 1 fasst es gut zusammen: Wir werden nicht bedient, die Musiker fangen zu spät an, und gleich müssen wir wieder aufs Rad. Seine düsteren Worte bewahrheiten sich zum Glück nicht. Wir haben tatsächlich Zeit für ein Päuschen, nebst spätem Getränk und Brotkorb, den augenscheinlich alle bestellen.  lovebremen_werradelt13

Frank Wuppinger & Ozan Coskun sind ein Gitarren-Duo und covern gern, das aber ganz gut. Die musikalische Reise ist geprägt von Balkan-Folklore und gitarrenfrickeligen,  melodischen Anleihen an Paco de Lucia oder Al di Meola. Pat Metheny fehlt auch nicht. Ganz schön. Nachdem das Essen alle ist, wird es ein bißchen langweilig. Und alle müssen wieder raus in die Kälte. Bei der Abfahrt sind wir nur noch zu neunt.

 

 

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Wieder entlang des Werdersees, ab zum Güterbahnhof. Hier wartet der letzte Act des Abends auf uns, ‚April Fishes‘ in der Spedition. Wir sind komplett zu spät und kriegen gerade noch die letzten beiden Stücke mit. Dafür ist dieses die beste Location des Abends: Abgerockte Fabrikhalle, schön bebildert extra für die jazzahead!, sehr anderes und vor allem größeres Publikum. Die Radler haben sich bereits draußen verabschiedet (nur noch sieben). Und machen ein lockeres Treffen für weitere After-Show-Events aus, wie später im Swissotel. An der Bar stehen drei bekiffte Twens, von denen eine extrem auf die experimentellen Soundcollagen des französischen Trios abgeht.

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Groove, Jazz und Pop Sounds? Hm. Das Oberthema war DAS für diesen Abend sicherlich nicht. Aber es hat unglaublichen Spass gemacht. Das Radfahren, trotz Kälte, das Ungewöhnliche, das Neue, das sich-Einlassen, unbekannte Bands, ungewohnte Sounds. Die Atmosphäre in der ‚Spedition‘ zur „Collection Collective“ ist großartig. Überall in der Halle andere Sprachen, wenige bekannte Bremer Gesichter. Die experimentellen Musiker (Helved Rüm nach April Fishes) ziehen anscheinend die Musiker der jazzahead! besonders an. Eigentlich waren wir froh über Feierabend, aber wir sind magnetisiert. Und auch gerade etwas radmüde.

Wieder zu Hause um kurz nach 1:00 Uhr, ist wieder so Wetter draußen. Und mit viel Musik im Kopf bleibt einfach nur: Sometimes it snows in April.

Fazit: Musik und Radfahren kann durchaus glücklich machen.

 

Fotografie: Tom Kleiner