Beitrag von Sofie Buchwald

Mein Kopf ist der eines alten Uhus. Er steckt – rein biologisch gesehen – auf einem 35-jährigem Körper. Insgesamt bringe ich es auf ein Erfahrungsalter von 117 Jahren. In der Hand halte ich einen Coffee-to-go-Becher, wie man das eben so macht, als gefühlte 41-jährige. Meine Füße stecken in sportlichen Sneakers – so steht es jedenfalls auf meinem Zertifikat. Ey Alter, willkommen im Universum!

In der neuen Sonderausstellung „Ey Alter“ im Bremer Science Center geht es diesmal ganz schön ans Eingemachte. Unter dem Motto „Du  kannst dich mal kennenlernen“ durchläuft man eine Art Parcour der Selbsterkenntnis. An vielen interaktiven Stationen werden dabei körperliche wie kognitive Fähigkeiten spielerisch getestet und das eigene Selbstbild abgefragt. Immer vor dem Hintergrund: Was macht das Alter aus dir – und was machst du aus dem Alter? LOVEBREMEN-Praktikant Philipp (21 Jahre) und ich (44 Jahre) wollten uns diesen manchmal gar nicht so leicht zu beantwortenden Fragen stellen und statteten dem Universum einen Besuch ab.

Der Selbstversuch: Hand- vs. Gedankenkraft

An den Eingangstoren zur Ausstellung erhalten wir erst einmal eine „Ey Card“. Auf dieser werden an jeder Station unsere ganz persönlichen Testergebnisse vermerkt, die dann Ende des Parcours ausgelesen und in Form eines Ey-Zertifikat zusammengefasst werden. Ok, kapiert, also los. – Aber was ist das? Es gibt zwei Eingangstore und wir müssen uns für eines entscheiden: jung oder alt? Für Philipp scheint das kein Problem zu sein, denn schon steuert er auf den Eingang „jung“ zu. Na gut, ich nehme den Eingang, über dem das Wort „alt“ angebracht ist und lande prompt in einem abgedunkelten Raum, in dem verschiedene Alters-Vorurteile geräuschvoll auf mich einprasseln: „Deine Geschichten kann doch keiner mehr hören“ – „Laaaaangsam“ – „Deine beste Zeit hast du hinter dir“ – Och, nö, schnell raus hier, denke ich mir und probiere es noch einmal mit dem „jung“-Tor. Und tatsächlich: Mit Sprüchen wie „Kämm dir mal die Haare“ und „Frech!“ kann ich zwar irgendwie mehr anfangen, aber besonders angenehm ist diese Begrüßungszeremonie nicht gerade. Ein Vorhang führt wieder hinaus und dahinter öffnet sich die futuristisch anmutende Welt von „Ey Alter“.

Streng genommen gibt es keine zwangsläufige Reihenfolge, die beim Absolvieren des interaktiven Parcours eingehalten werden muss, erläutert uns Eva Tüllmann vom Universum. Doch macht es schon Sinn, vor den Trainingsstationen erstmal alle Daten und Fakten auf den Tisch zu legen. Die werden dann auf unserer Ey Card dokumentiert. An einem halbrunden Pult werden wir auf verschiedenste Faktoren abgeklopft, die Aufschluss über unser gefühltes, soziales und biologisches Alter geben sollen. Während ich damit beschäftigt bin zu beantworten, wie ich mich fühle, wenn ich Treppen steige, wie viel ich wiege oder Alkohol ich trinke, kräht an dem Pult neben mir ein vielleicht neunjähriger Pöks seiner Oma zu: „Ich hab’ 125 Jahre Erfahrung!“ Dieses erstaunliche Ergebnis ist wohl am ehesten damit zu erklären, dass die ein oder andere Frage in der Ausstellung – etwa nach Kindererziehung, nach Beziehungszeiten oder ob man seine Partnerschaft als eher bereichernd oder belastend empfindet – kaum für Kinder zu beantworten sind. Konzipiert wurde die Ausstellung für Menschen ab 10 Jahren, erklärt uns Eva Tüllmann. Was soll’s. Der Knirps scheint ja trotzdem seinen Spaß zu haben.

Handdruck

Auch für Philipp und mich wird es in der nächsten Abteilung zunehmend spaßiger. Endlich können wir uns auch mal kräftemäßig messen. An einer Station geht es um Reaktionsgeschwindigkeit. Ich weiß, dass mir das liegt und so frohlocke ich insgeheim, Philipp hier zu überflügeln. „Warst Du besser?“ fragt mich Philipp. Doch unser beider Leistung ist hier nicht von schlechten Eltern und wird auf unserer Ey Card mit jeweils 10 Punkten honoriert. In Punkto Handdruckkraft schneide ich für mein Alter mit 7 Punkten gar nicht so schlecht ab, doch Philipp ist annähernd doppelt so stark. Auch in Sachen Körperbeherrschung schlägt mich der Jungspund um Längen, indem er seelenruhig und mit geschlossenen Augen auf einem Bein steht, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Ich bringe ich es immerhin auf 27 Sekunden, länger als die Frau vor mir (3 Sekunden) und ein Junge (12 Sekunden).

Eindeutig zweideutig: Mal älter, mal jünger

Team im All

Beim Allgemeinwissen habe ich allerdings wieder die Nase vorn und auch ist mein Hörvermögen um eine Kleinigkeit besser als die Philipps. Dabei ist die Aufgabe vertrackt und besteht darin, neben einer ohrenbetäubend lauten Boxkampf-Übertragung gleichzeitig dem Inhalt eines Telefonats zu folgen. In Sachen Geschicklichkeit gewinnen weder Philipp noch ich einen Blumentopf: „Berühre im Wechsel erst die Kontaktplatte…“ Ich bin schon ziemlich erschöpft von all den Eindrücken und schon mit der Spielanleitung überfordert. Philipp erklärt, was ich tun muss. Die Station funktioniert wie eine Art Five Finger Fillet, nur ohne Messer. Also, erst einen markierten Punkt berühren, dann zurück zum Ausgangspunkt und so fort. Die enge Zeitvorgabe macht das Spiel für mich zu einem Nerventest. Wir schneiden beide so mittel ab…
Beim coolsten Spiel dieser Abteilung erhält Phillip die volle Punktzahl: Nur per Gedankenkraft und Konzentration muss er einen Ball zum Rollen bringen. Dafür legt er sich zuvor ein Stirnband mit Sensoren an, die seine Gehirnaktivität registrieren. „Drücke den Knopf, um das Spiel zu beginnen.“ Mir ist die Mindball-Station gerade zu voll und ich lege stattdessen mal eben ein Puzzle unter erschwerten Bedingungen zusammen: spiegelverkehrt.

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„Produktionsstop!“, heißt es an einer der nächsten Stationen. „Das Förderband einer Ballfabrik bleibt unerwartet stehen.“ Nun ist es an mir, ein geeignetes Team zusammenzustellen, das das Problem am besten löst. Vom erfahrenen, 60jährigen Unternehmensberater Maik bis zur zupackenden, 21jährigen Physiotherapeutin Laura werden mir verschiedene Kandidaten am Bildschirm präsentiert. Ich finde mein ausgewähltes Team super, aber in der Ballfabrik  bricht das reinste Chaos aus. Auf einem großen Bildschirm wird mir schonungslos vor Augen geführt, was ich – und mein suboptimales Team – angerichtet haben. Na toll, ich hätte „den Schwerpunkt nicht passend gewählt“, heißt es in der Begründung. Ich gebe zu, ich bin enttäuscht. Auch für die Aufgabe, einen plötzlich auftauchenden Bären aus dem Campinglager zu vertreiben, sollte man nicht unbedingt mich dafür auswählen, ein schlagkräftiges Team zusammenzustellen. Meine Leute sitzen schließlich ratlos und schlotternd auf einem Baum, während der Bär das Camp auseinander nimmt. Die dritte Aufgabe hingegen, das Ausrichten eines Spendenlauf, scheint ganz mein Ding zu sein. Puh!

Nach dem interaktiven Part von „Ey Alter“ gibt es im Herzstück der Ausstellung einiges zu lesen, beispielsweise über das Verhältnis fluider und kristalliner Intelligenz in Bezug zum Lebensalter. Oder über das sogenannte Priming. Ein Begriff, der beschreibt, wie sehr Worte unsere Denkmuster und Vorstellungen von etwas beeinflussen. Ebenso erfährt man, wie viel ein Gehirn wiegt und dass an dem Spruch „Wer rastet, der rostet“ durchaus etwas dran ist. In Richtung Ausgang weckt ein transparenter Vorhang mit der Aufschrift „Café Zukunft“ einige Erwartungen. Ah! Gibt’s jetzt Kaffee? Nicht ganz. An einer als Sushi-Bar inszenierten Rundstation präsentieren verschiedene Unternehmen „Rezepte und Projekte für den neuen Altersmix“. Denn vor allem für Unternehmen ist der demografische Wandel vor dem Hintergrund einer alternden Mitarbeiterschaft eine zunehmende Herausforderung – und eine Chance. Das zeigen beispielsweise Projekte von SAP, die bewusst auf altersgemischte Teams setzen oder BSAF, die das lebenslange Lernen der Mitarbeiterschaft mit Lernräumen unterstützen. Auch Mercedes-Benz ist am Sushi-Tresen vertreten. Mit ihrer Demografie-Initiative Y.E.S. möchten das Unternehmen eine alterspositive Kultur fördern. Der Autobauer lieferte ebenfalls die Idee zur interaktiven Ausstellung im Universum.

Und wie alt sind wir nun? Die Auswertung.

Dein Alter größer

Nach etwa 90 Minuten halten Phillip und ich glücklich unser persönliches Ey Alter-Zertifikat in der Hand. Philipp kann sich nicht erklären, warum sein soziales Alter bei neun Jahren liegt. Das verstehe ich auch nicht. Erklärt wird es nicht. Sein größtes Potenzial liegt in der Körperbeherrschung und Wahrnehmung. Sein Teamtyp: Erfinder! Ich dagegen bin laut Zertifikat ein Weichensteller mit Potenzial in Denkleistung und Wahrnehmung. Fazit: Ich wusste bereits, dass mich Zeitdruck extrem in Stress versetzt. Doch wirklich überraschend war für mich, dass einige Dinge, die ich mir vorher am wenigsten zugetraut habe, mir gut gelungen sind. Andere Fähigkeiten habe ich offensichtlich überschätzt. Doch dies hat mitunter weniger mit dem Alter zu tun, als mit unseren eigenen Vorstellungen. Das, was wir mit alt oder jung verbinden, ist letztlich ein individuelles Konstrukt, welches wir viel mehr beeinflussen können, als uns oftmals bewusst ist.

Die Ausstellung „Ey Alter“ im Universum ist wochentags von 9 bis 18 Uhr, samstags, sonntags und feiertags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Welcher Forscher aus Bremen zum Urteil kommt, dass „Alter eine recht schwammige Größe ist“, erfahrt Ihr übrigens morgen. Freut Euch auf ein Interview, das die aktuelle Universums-Ausstellung wissenschaftlich beleuchtet.