Keine Frage! – Wir alle lassen nichts auf unser geliebtes Bremer Viertel kommen. Aber es gibt einen Ort, der fast noch ein bisschen paradiesischer, genauso locker und aufgeschlossen ist, und an dem sich gerne die üblichen „Verdächtigen“ treffen. Der Bremer Steintor-Bewohner Till Krägeloh nennt diesen Ort „utopisch“ und sein zweites Zuhause: Dangast am Jadebusen. Am letzten Juli-Wochenende macht Till Krägeloh dort (s)einen Traum wahr – ein Musik- und Kulturfestival direkt am Wattenmeer: Watt en Schlick-Fest!

Begegnet bin ich Till das erste Mal an der Uni Bremen vor zweieinhalb Jahren, wo er als Dozent ein Seminar anbot, bei dem es galt, eine Veranstaltung im Theater am Goetheplatz zu organisieren. Tills wichtigste Arbeitswerkzeuge, die er bei jeder der wöchentlichen Sitzungen dabei hatte: Eine Flasche Club Mate und das Mantra „Wir haben hier eine professionelle Bühne und die Möglichkeit, etwas zu machen – die Möglichkeit zu scheitern gehört auch dazu“. Also machten wir uns an die Arbeit, mailten und telefonierten uns durch die Vorzimmer möglicher prominenter Gäste für unsere Veranstaltung, kassierten diverse Absagen und einige Zusagen, stellten ein Programm zusammen, das sich, nun ja, sehen lassen konnte und präsentierten es vor vollem Hause. Es hat unglaublich viel Spaß gemacht und das lag auch daran, weil Till ein Typ ist, mit dem man sich das alles zutraut – selbst das Scheitern.

Till Krägeloh Porträt

Bereits während des Seminars damals erzählte uns Till von einem Projekt, das er plane: ein Festival direkt am Strand unterhalb des Kurhauses Dangast. (Ach so, falls hier wer das Kurhaus Dangast nicht kennt: Es ist ein Gastronomie-Betrieb. Allein der hausgemachte Rhabarberkuchen ist legendär!) Seit mittlerweile 15 Jahren ist Till mit dem Kurhaus Dangast verbunden. Bereits als Schüler jobbte er in dort als Abräumer. Mit der Zeit entwickelte sich zu der Betreiberfamilie Tapken ein freundschaftliches Verhältnis. Während seines Studiums installierte Till im Kurhaus ein Kulturprogramm mit Lesungen, Film und Konzerten. Auf diese Weise lernten Autoren und Künstler wie Harry Rowohlt (Friede seiner Asche), Axel Hacke oder Wigald Boning das Kurhaus im kleinen Dangast kennen und manchmal sogar lieben. Auch Tills Uni-Abschlussarbeit behandelt das Kurhaus in Dangast – und zwar als „utopischen Ort“. Warum eigentlich?

„Es ist einfach ein Ort, der heute existiert, aber so gar nichts von dem hat, was heute oft so bestimmend ist. Im Kurhaus gibt es keine Gesellschaftsschichten. Hier steht der Porschefahrer neben dem Hartz-4-Empfänger für den Kuchen an und der Professor neben dem Studenten. Familien sind wie alle anderen willkommen und die Preisstrukturen liegen wirklich unter  jedem Durchschnitt.“ Wer im Kurhaus nichts verzehren möchte, muss dies auch nicht tun. Bleiben darf er trotzdem. „Und ob die Leute nun halbnackt vom Beach hoch kommen oder anders – vollkommen wurscht.“ Natürlich sei das Kurhaus auch ein wirtschaftlicher Betrieb, aber einer mit sehr niedrigen Hierarchien, ohne Uniformierung und vor allem ohne hochgestochenem Konzept für eine Willkommenskultur. „Das hat sich hier so entwickelt“, berichtet Till, „und natürlich auch viel mit der offenen Haltung der Familie Tapken zu tun.“ Und diese Haltung ist seit Jahrzehnten unverändert. „Viele Leute sehnen sich nach so einer Konstante. Das macht auch den Charme des Hauses aus. Und der Rhabarberkuchen!“ Der Strand unterhalb des Kurhauses sei „Deutschlands einziger Privatstrand an der Nordsee, der nicht eingezäunt und vollkommen frei zugänglich ist“, erzählt Till. (Und wahrscheinlich auch der einzige Strand an der Nordsee, an dem ein in Stein gehauener Riesen-Penis aufgestellt wurde…. aber bitte: Fahrt hin und seht selbst!) Für Till jedenfalls der perfekte Ort für ein großes Fest. Am Strand. Für alle. Das Watt en Schlick-Fest. Scheitern als Option? – Kann passieren. Also machen!

2014 fand das erste Fest statt. Mit Hip-Hop aus der Golden Ära (Blumentopf), den Fofftig Penns, Flo Mega, Rocko Schamoni und vielen anderen wurde „grandios“ gefeiert. Die wirtschaftliche Erfolgsbilanz steht auf einem anderen Blatt, aber darum geht es auch nicht nur, findet Till. „Es geht auch um die Vision, hier etwas gemeinsam zu schaffen, das eine hohe kulturelle Qualität hat und trotzdem möglichst vielen zugänglich ist.“ In diesem Jahr wird das Festival noch ein bisschen größer aufgezogen. Neben einem internationalen Star wie Patrice, rücken mit Bilderbuch und Wanda aus Österreich die Crème de la Crème der deutschsprachigen Indie-Pop-Szene an. Außerdem gibt es Lesungen, zum Beispiel von ZDFneo-Reporter Manuel Möglich, oder Filme, wie über das Ex-The KLF- Mitglied Bill Drummond und ein Aftershow-Partyprogramm mit Plattendrehern wie Erobique oder DJ Mad.

Litfasz

So ein dreitägiges Festival zu wuppen schafft aber selbst ein Till Krägeloh nicht allein. Will er auch gar nicht, weil er es ebenso wie alle, die am Fest mitarbeiten, genießt, Teil eines kreativen Teams zu sein. „Das Tolle an dem Schlick-Ding ist ja, dass das so viele Leute unterstützen und ihren Teil, wie klein oder groß auch immer, beitragen, ohne dass irgendjemand diktiert, wie es zu sein hat.“ Selbst Tills Friseurin ist mit von der Partie, indem sie ihre große Schaufensterfront am Sielwalleck ganz in den Dienst der Watt en Schlick-Fest-Werbung stellt. Till: „Viele stehen hinter diesem Projekt und für einige ist es auch die Möglichkeit, etwas auszuprobieren.“

Trotz aller Liebe zu Dangast wohnt Till in Bremen. „Dangast ist für mich schon meine zweite Heimat und der Ort, wo ich arbeite. Ich mag die Ruhe dort gerne, aber ich finde die Stadt auch inspirierend, das Urbane. Das brauche ich genauso. Und am Wochenende treffe ich auch viele Leute aus dem Viertel im Kurhaus.“ Es gibt wie immer: Rhabarberkuchen.

Infos zum Fest unter www.wattenschlick.de