Wie lebenswert ist Walle? Und wenn der typische Bremer Spruch „In Walle wohn’se alle“ zutrifft: Wie ist es dort zu wohnen? Verändert hat sich in dem sehr alten Stadtteil im Bremer Westen in den letzten Jahren jede Menge – munkelt man. Was genau wussten wir nicht, deshalb haben Christian und ich uns bei ein paar Grad über Null einem „Urbanen Spaziergang“ des Autonomen Architektur Atelier (AAA) quer durch Walle angeschlossen. Seit mittlerweile zehn Jahren veranstaltet das AAA diese Urbanen Spaziergänge, bei denen die Teilnehmer erfahren, wie sich der jeweilige Stadtteil mit den Jahren verändert hat und welche aktuellen Entwicklungen im Gange sind.

Wir waren gespannt, was uns auf unserer Tour erwartet. Als sich die beiden Guides des AAA, Oliver Hasemann und Daniel Schnier, vorstellten, war direkt klar, das wird ein sehr unterhaltsamer Spaziergang und eins garantiert nicht: langweilig. Die humorvolle Moderation der beiden, gepaart mit dem Expertenwissen von Peter Brodersen von der ÖkoStadt Bremen e.V., stellte sich schnell als wunderbare Mischung heraus.

Los ging’s von der Alten Feuerwache über den Waller Stieg gemeinsam mit etwa sechzig anderen Interessierten, samt Kindern und Hunden, zur legendären „Waller Küste“. In den 50er und 60er Jahren muss an der Küste, dem Waller Rotlichtviertel,  jede Nacht eine Stimmung wie auf der Reeperbahn gewesen sein. Seeleute, Hafenarbeiter, Touristen und die vielen Liebesmädchen zogen damals von Kneipe zu Kneipe. Etwa 35 Bars und Tanzlokale gab es zu dieser Zeit an Nordstraße und Leutweinstraße. Als dann auf Container umgestellt und kaum noch Stückgut transportiert wurde, waren die Schiffe  innerhalb weniger Stunden be- und entladen. Etliche Bars machten daraufhin dicht. Den endgültigen Todesstoß versetzte der Küste allerdings die Einführung des Girokontos. Lohntüten gab es nicht mehr und die Männer hatten kein Bargeld in den Taschen. Bis heute haben kaum Clubs der damaligen Zeit überlebt. Mit der Bambus-Bar, heute Happy Night, Elefant und Krokodil existieren noch drei der damaligen Clubs an der Nordstraße. Lustigerweise steht heute direkt vor dem Happy Night ein Geldautomat. Zwischen den Clubs, die in ihrer Zeit stehengeblieben scheinen, wirkt er wie ein Störfaktor. Seit 2013 startet das „Golden City“-Projekt in den Sommermonaten maritim angehauchte Veranstaltungen in Erinnerung an die Hochzeiten der Küste.

Unser Gang führte uns weiter – vorbei an bröckelnden Fassaden in der Bremerhavener Straße – hin zur „Waller Mitte“. Daniel Schnier berichtet: „Vor zehn Jahren war Walle noch ein Geheimtipp, damals bezahlte man hier für ein Altbremer Haus um die 100 000 Euro. Heute sind es locker 200 000 Euro, egal, in welchem Zustand es sich befindet“. „Auch hier ist Wohnen inzwischen richtig teuer geworden“. Zurzeit dreht sich alles um das Neubaugebiet „Waller Mitte“. Auf 8000 Quadratmetern sollen auf dem ehemaligen Ascheplatz, am Dedesdorfer Platz,  Sport- und Freizeitflächen, aber auch mehrer Wohntürme entstehen. Seit Jahren sorgt das Projekt unter den Wallensern, aber auch mit der Stadt, für heiße Diskussionen.

Ein anderes Bauprojekt gab es wenig später an der Karl-Peters-Straße zu bewundern: Den achtgeschossigen Neubau auf dem Sockel des alten Wasserturms. Als Walle im Zweiten Weltkrieg wegen seiner Nähe zu den Häfen fast komplett niedergebombt wurde, fiel auch dieser zeitweise größte Wasserturm Europas dem Bombenteppich zum Opfer. Aber der Sockel von damals steht noch und wird schon bald 41 Wohnungen für Senioren tragen.

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Die nächste Station war die Vegesacker Straße, die Einkaufsmeile Walles. Neben einem kultigen Kneipenangebot treffen wir hier auf Geschäfte mit langer Tradition. Der erste Naturkostladen Bremens, das Blockhaus, öffnete hier beispielsweise im Jahr 1987 seine Pforten. Der Inhaber „Erwin“ ist im Stadtteil jedem echten Wallenser ein Begriff.

Im nahegelegenen Generalviertel sind die alten Zeiten mit neuen Bauweisen gemischt. Die Straßenzüge stammen aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts. Alle Häuser waren etwa 75 Quadratmeter groß und die Fassaden sehr ähnlich mit Stuck und Halbgeschossen. An vielen Stellen findet man ihn noch, diesen Originaltyp des Bremer Hauses. „Häufig wurde aber auch der Stuck abgeschlagen und Klinker davorgesetzt, oder einfach aufgestockt.“ weiß Oliver Hasemann vom AAA.

Die letzte Etappe des Urbanen Spaziergangs führte durch das Gebiet „Osterfeuerberg“. Oliver Hasemann erklärt, dass die Bahnstrecke von Bremen nach Geestemünde 1904 aufgestockt wurde. „Seitdem teilt sie Walle und es gibt insgesamt nur drei Durchgänge um auf die andere Seite zu gelangen.“ Und es lohnt sich auf die andere Bahndammseite zu spazieren. Denn rund um den Pulverberg geht inzwischen einiges. Neben dem Kulturhaus Walle und vier verschiedenen Theatern und der kultigen Kneipe Druide, hat die Union-Brauerei ihre Pforten wieder geöffnet. Was es dort alles zu entdecken gibt, hat Arne vor einiger Zeit herausgefunden und darüber berichtet.

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Unser Fazit: Die unterhaltsame Reise durch Walle hat sich hundertprozentig gelohnt. Wir haben noch nie bei einer Sightseeing-Tour so viel gelacht. Und das in der eigenen Stadt! Wer Lust bekommen hat, der nächste „Urbane Spaziergang“ startet am Sonntag, 19. März, um 14 Uhr unter dem Titel „AAA trifft Alvar Aalto“ am Haupteingang des Aalto-Hochhauses in der Neuen Vahr.

Fotos: Christian Burmester