„Es tut uns wahnsinnig leid, doch in diesem Jahr können wir leider keine Neukunden mehr annehmen.“ Ein Satz, den Lisa und Miriam derzeit unzählige Male am Telefon oder am Empfang ihres Friseursalons wiederholen. Ein Satz, der sie einerseits glücklich stimmt: die Kasse klingelt und aus ihrer Gründungsidee ist eine Erfolgsstory geworden. Ein Satz, der sie andererseits auch vor Probleme stellt – sie möchten der Nachfrage eigentlich noch besser gerecht werden, doch selbst arbeiten sie bereits rund 12 Stunden, fünf Tagen die Woche –  und verlässliche, zum Konzept passende Mitarbeiter zu finden gestaltet sich recht schwer. Im UBEO, dem Friseursalon an der Hamburger Straße 74, hat es sich ein Phänomen gemütlich gemacht, das viele tüchtige GründerInnen irgendwann trifft, vor allem dann, wenn es um feste Öffnungszeiten und von Kunden erhoffte persönliche Präsenz geht: Erfolg führt irgendwann zur neuen, teilweise schwierigen Herausforderung.

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Wirtschaftlicher Wachstum verlangt nämlich vor allem persönlichen Wachstum, ist er doch in fast allen Fällen mit dem Einstellen von Mitarbeitern verbunden. Jedenfalls dann, wenn man zu neuen Kunden, interessanten Projekten und höheren Einnahmen nicht nein sagen möchte. Das merken auch Lisa und Miriam gerade.

Weit weg war diese Situation, als sich die beiden Mädels beim Feiern kennenlernten. 18 waren sie da. Aus gemeinsamen Getränken bei lauter Musik wurden irgendwann gemeinsame Visionen. Sie wussten schnell, dass sie sich mit etwas selbständig machen wollten, das UBEO heißen und mit der Farbe Hellgrün daherkommen sollte. Was das genau sein könnte, wussten sie damals noch nicht. Lisa studierte zunächst BWL, arbeitete später in einer Werbeagentur. Miriam machte sich als Friseurin einen Namen, räumte den Hairdressing-Award ab und bekam schließlich ein Jobangebot aus Berlin. Und auch Lisa überlegte, den Roland gegen den Fernsehturm zu tauschen. Weg aus Bremen also, rüber in die hippe Hauptstadt? Nein, die Vorstellung behagte ihnen beiden nicht. Sie blieben. Und gründeten die Engelhardt und Hardtke GbR, die nach außen nur mit dem Namen „UBEO – Über Ecken und Kanten“ kommuniziert wird. Ein Friseursalon mittleren Preissegments in Peterswerder, das umweltverträglich mit Naturprodukten arbeitet.

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Drei Azubis zähle ich im Salon, während Miriam meine Haare kürzt und wir uns dabei übers Gründerin-Sein austauschen. Dass wir „ein Unternehmen“ haben, ist für uns beide eine nach wie vor komische Formulierung. Ich verstehe gut, was Miriam meint bei folgenden Worten: „Ich identifiziere mich so sehr mit UBEO, dass alles, was hier geschieht, mich als Person betrifft. Wenn hier geklaut wird, haben ich nicht den Eindruck, dass meinem Unternehmen Schaden zugefügt wurde. Ich nehme das dann persönlich.“

Es ist genau dieses Verschmelzen von Arbeitsalltag und Lebensaufgabe, das GründerInnen oft so erfolgreich macht. Begeisterung, Antrieb, Überstunden – all das kommt von innen. Und genau das macht das Chef-Sein, das irgendwann nötig wird, in vielerlei Hinsicht schwer: Zum einen, so erlebt es Miriam, sei es schwierig, jemanden zu finden, der genau die gleiche Philosophie hat wie sie selbst, sofern sie überhaupt jemanden findet, der zuverlässig und auf den Punkt arbeitet. Aufgaben loslassen falle natürlich ebenso schwer. Und dann ist da ja das Chef-sein an sich: Wie motiviert man Mitarbeiter? Wie führt man so, dass man respektiert und ernst genommen, aber auch gemocht wird? Geht das überhaupt: Gemocht werden als Chefin?

Schwangerschaft. Auch so ein Thema, das Miriam und Lisa nicht blauäugig ausblenden, sondern sehr wohl als Problemstellung erkannt haben. Derzeit sei es nicht möglich, dass die beiden nur acht Stunden und im Schichtbetrieb arbeiten. Wie soll es klappen, einen Salon zu führen und gleichzeitig Mutter zu sein?

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In Bremen gibt es zahlreiche  Anlaufstellen, wenn man gründet und sich dabei Unterstützung wünscht: die Ideenlotsen, belladonna, das RKW oder die Handelskammer beispielsweise. Und morgen steht wieder der jährliche Gründertag von B.E.G.I.N. an. Interessanterweise gibt es auch Vorträge und Beratungen zum Thema „Unternehmensnachfolge“. Doch was ist mit der Zeit dazwischen, der ersten Phase des wirtschaftlichen Wachstums ? Wo finden Selbständige eine Anlaufstelle, wenn sie bereits zwei, drei Jahre etabliert sind und plötzlich vor ganz neue Herausforderungen gestellt werden? Mit dieser Frage im Kopf verlasse ich nach meinem Termin den Friseursalon.

Ich google. Finde auf Anhieb nichts. Ich frage beim u-institut nach und erfahre, dass deren Programm Ideenlotsen und die angebotenen Einzelcoachings zu jedem Zeitpunkt genutzt werden können, also auch lange nach einer Gründung. Einen Hinweis auf belladonna gibt mir Kai Hennes außerdem. Und tatsächlich find  ich auf der Homepage von belladonna einen Termin, der in die richtige Richtung geht: die Innovationswerkstatt „Mut zum Wachsen“ am 28. November.  Ergänzend klopfe ich noch beim Wirtschaftssenat an. Dort höre ich, dass es Hilfestellungen für Wachstum im wahrsten Sinne des Wortes gäbe, also für die räumliche Vergrößerung eines Unternehmens beispielsweise. Wer ein Grundstück zum Bauen sucht oder größere Räume mieten möchte, sei bei der WFB  (Abteilung Bestandspflege) richtig. Wer Darlehen benötige, so Pressesprecher Holger Bruns, fände bei der Bremer Aufbau Bank die richtigen Ansprechpartner. Auf meine Frage nach Unterstützung in Fragen, die Führungsverhalten oder vergleichbare Kompetenzen betrifft, verweist er hingegen auf den privaten Coaching-Markt. Von kommunalen oder vergleichbaren Trägern könne diese Beratung nur schwer geleistet werden, weil die Schwierigkeiten recht individuell seien.

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Abschließend bleibt festzuhalten: Gründen wird – nicht nur in Bremen – als Mammutaufgabe betrachtet, die einer fachliche Begleitung bedarf. Auch das Internet ist voll von Artikeln mit der Überschrift „10 Dinge, die Selbständige beim Start wissen müssen“ oder „So gelingt der Businessplan“. Doch zur Frage, wie man unternehmerischen Wachstum bewältigt, finde ich weder bei den Topergebnissen der Suchmaschinen etwas Nennenswertes noch bei meinen Recherchen innerhalb Bremens. Und so bleibt engagierten Menschen wie Miriam und Lisa vor allem eines: einen eigenen Weg finden, ausprobieren, eventuell nachsteuern und mit anderen Menschen in ähnlicher Situation ins Gespräch kommen. Bei den vielen Kunden im Salon dürfte ja regelmäßig jemand auf dem Friseurstuhl sitzen, mit dem das möglich ist.


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Termintipp für alle, die sich erst einmal den gängigen Fragen rund ums Thema Gründung trotz später anstehender Ecken und Kanten widmen wollen:

Am morgigen Donnerstag findet der B.E.G.I.N.-Gründungstags 2015 im Musical-Theater statt. Ist meine Geschäftsidee morgen noch gefragt? Wie entwickle ich mein Unternehmen weiter? Zeitgeist zu verstehen wird in dynamischen Märkten wichtiger – warum? Das erfahren Gründungsinteressierte und junge Unternehmen auf der Business-Messe, in den begleitenden Fachvorträgen und bei individuellen Beratungen von 12 bis 19 Uhr.