Darwish ist 24 Jahre alt und kommt aus Syrien. Vor knapp fünf Jahren ist er aus seinem Heimatland geflohen und hat in Deutschland eine neue Heimat gefunden. Doch wie für viele Flüchtlinge war auch für ihn die Integration schwer, aber er hat schnell einen ganz besonderen Weg gefunden, vor allem die Sprachbarrieren zu überwinden: Das Kochen! Seine Leidenschaft fürs Kochen als Teil seiner Integration wird aktuell in der interaktiven Sonderausstellung „Lieblingsräume – so vielfältig wie wir“ im Universum thematisiert. Darwish und viele andere erzählen in ihr ihre persönliche Inklusions-Geschichte und zeigen vor allem eins: Es ist normal, verschieden zu sein. Ich habe Darwish in seiner kleinen Wohnung in Walle getroffen, mit ihm ganz einfach und schnell etwas syrisches gekocht und dabei über seinen Weg nach Deutschland, seine Familie, Traditionen und die „perfekte Integration“ gesprochen.

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„Beim Kochen braucht man keine Worte, da versteht man sich einfach. Mit dem Messer schneiden, den Herd bedienen – das kann jeder, egal, welche Sprache er spricht.“ Soweit, so gut, denke ich mir, als ich bei Darwish in der kleinen Küche und damit auch mitten in seiner kleinen, gemütlichen Souterrain-Wohnung in Bremen-Walle stehe. Doch hier hat Darwish nicht immer gelebt, seit er 2009 nach Deutschland gekommen ist. Anfangs wurde er von einem Flüchtlingsheim ins nächste geschickt, bis er irgendwann durch die Unterstützung des Jobcenters und ein bisschen Glück in ein WG-Zimmer ins Viertel ziehen konnte. Zu dieser Zeit sprach der heute 24-Jährige so gut wie kein Deutsch und musste sich – wie man so schön sagt – mit Händen und Füßen verständigen.

Buch mit Lieblingsrezepten – und Fluchtgeschichte

In der WG, in der er nicht der einzige war, der kein Deutsch sprechen konnte, wurde regelmäßig zusammen gekocht und das war für Darwish ein guter Weg, immer wieder neue Wörter und Sätze und gleichzeitig Stück für Stück Deutsch und auch die deutsche Kultur besser kennen zu lernen. Aber vor allem war es am Anfang ein Weg, sich auch ohne große Worte zu verständigen und mit anderen Leuten gesellig zusammen zu sein.

Während Darwish mir das alles erzählt, schneiden wir zusammen Gemüse und kochen Linsen und Bulgur in einem Topf – Zutaten, die in Syrien zum Standard in jeder Küche gehören, einfach und schnell zubereitet sind und lecker schmecken. Immer wieder kommt auch das Thema Familie auf den Tisch und ich erfahre ein bisschen über die syrische Kultur. Und wir reden viel und tauschen uns aus: „Das ist ja das schöne am zusammen Kochen und Essen. Man sitzt zusammen und kann sich unterhalten. So habe ich viel über Deutschland gelernt und auch immer neue Leute kennen gelernt.“

Ich erfahre aber auch, was man sich kaum vorstellen kann, wenn man Darwish, eine absolute Frohnatur, heute sieht: Seine Flucht aus Syrien… mit einem Freund zu Fuß über die Türkei, unter einem LKW liegend weiter, vom kalten Wind fast erfroren. Mit der Bahn versteckt unter einer Plane nach Österreich und dort irgendwo im Niemandsland abgesprungen. Dort wird er mit seinem Freund von einem Bekannten abgeholt. Das sind nur die groben Eckpunkte der Flucht. Doch Darwish hat eine Idee, die er mithilfe einer Freundin vor einem Jahr umgesetzt hat: Er hat ein Buch geschrieben und darin sein Leben in Syrien, seine Familie, Traditionen und auch seine Flucht nach Deutschland detailliert aufgeschrieben. Dass das Buch unter die Haut geht und fast aus nächster Nähe beschreibt, was man nur aus den Nachrichten kennt, macht es trotz oder gerade wegen seiner einfachen Schreibweise zu einem der Bücher, die man mal gelesen habe sollte. Es erzeugt Gänsehaut. Und natürlich kommt auch das Kochen in seinem Buch nicht zu kurz. Ob als familiäre Tradition oder als Weg, sich in Deutschland ganz schnell und problemlos zu integrieren.

„Ich möchte mein Land wieder aufbauen“

Heute, fünf Jahre nach seiner Flucht, hat Darwish seine Ziele für seinen Weg in Deutschland etwas korrigiert, aber er weiß, was er will. Nach seiner Ausbildung, die er seit einem halben Jahr in einer Bremer Bank zusammen mit einem anderen Flüchtling macht, möchte er studieren. Das war schon 2009 sein Ziel, als er nach Deutschland gekommen ist. Damals war es Medizin, aber heute ist das verworfen. Was genau es werden soll, weiß Darwish noch nicht, aber es soll ihm zu seinem großen Ziel verhelfen: „Ich möchte mein Land irgendwann wieder mit aufbauen und ich weiß, dass ich das nur mit dem besten Wissen und der besten Bildung machen kann, die ich hier in Deutschland bekommen kann. Ohne dieses Wissen von vielen Leuten wird es nicht klappen. Dafür arbeite ich hart und versuche, auch anderen zu helfen.“ Helfen tut er auch heute schon, unter anderem bei Help a Refugee e.V., die ihm nach seiner Ankunft in Deutschland ebenfalls viel geholfen haben. Er möchte etwas zurückgeben und erklärt so zum Beispiel anderen Flüchtlingen, wie man in Deutschland arbeiten und studieren kann, welche Vorgaben es gibt. Vor allem aber räumt er dabei mit falschen Vorurteilen auf: „Manche kommen nach Deutschland und hören irgendwo, dass man ganz lange Wartezeiten hat zum Studium oder sehr viel Geld bezahlen muss. Das ist ja Quatsch und das erkläre ich ihnen dann und helfe ihnen, das Richtige zu finden.“LOVEBREMEN-Magazin-Lieblingsräume-Universum2JPG

Durch sein Engagement bei Help a Refugee e.V. wurde auch das Universum bei der Entwicklung der Ausstellung „Lieblingsräume“ auf Darwish aufmerksam.“ „Lieblingsräume“ ist dabei als ein Synonym gedacht für die Vielfältigkeit der Menschen und den Vorstellungen dieser von einem solchen Raum. Zusammen mit dem Martinsclub Bremen hat das Universum deshalb rund um das Thema Inklusion neben einer Küche viele weitere Lieblingsräume in der aktuellen Ausstellung zusammen mit Menschen wie Darwish entwickelt, um diesen Bereich der Gesellschaft noch besser darstellen zu können und erlebbar zu machen.

Im Programm der Ausstellung ist auch eine Lesung von Darwish aus seinem Buch „Mein Weg“ vorgesehen. Sie findet am 20. Mai um 19.30 Uhr im Rahmen der Langen Nacht der Museen im Universum statt. Die Ausstellung „Lieblingsräume“ könnt ihr noch bis zum 07. Januar 2018 besuchen! Alle Infos dazu findet Ihr hier!