„Der Stecker passt nicht in die Steckdose!“

Ein tief-menschliches Problem, manch einer kennt es aus dem Aufklärungsunterricht. Im Schatten des großen Getränke-Lastwagens halten zwei abgewetzte Handschuhe einen schweren Stromanschluss, die Getränke-Kühlbox steht mit ganz eigenem Kopf und Stromanschluss vor zwei ratlosen Studenten. Der Stecker passt nicht. Stimmengewirr und Hammerschläge überlagern klappernde Bauzäune im Innenhof des Studentenwohnheims „Am Fleet“. Dutzende Studenten wuseln zielstrebig mit roten Shirts und glänzenden Schweißperlen durch Konstruktionen aus Getränkekisten, Werkzeughaufen und knarzenden Holzpaletten.

Sommerfest Vorstraße – mehr Arbeit als gedacht.

Nur noch wenige Stunden, dann beginnt das diesjährige Sommerfest Vorstraße am 10. und 11. Juni – legendenumwoben, traditionsreich und zu 100 Prozent studentisch organisiert. Jedes Jahr organisieren Bewohner des Studentenwohnheims „Am Fleet“ ehrenamtlich ein zweitägiges Festival mit Live-Musik, Bier, Poetry Slam, Herzblut, Sommerluft und Schwenkgrills. „Ein Bremer Original“ , keucht mir im Gewusel ein schleppender Mann mit drei Getränkekisten zu. Tische werden aufgestellt, aus einem silber-glänzenden Lautsprecher tönen energetisierende Evergreens der dunklen 90er. Fernab fällt das schwere Stromkabel resigniert zu Boden, die Kühlbox thront nun kühn zwischen den fluchenden Studenten. Ein Bremer Festival, alleine von Studierenden organisiert, umsonst und frei für alle. Manch einer fragt sich: Wie funktioniert das?

 

 

Umsonst und draußen

Eins vorweg: Es funktioniert. Und lebt. Bis zu 5000 Besucher tauchen jedes Jahr in die studentische Welt des Sommerfestes ein und feiern mit Bands, Bier und Bratwurst ein Bremer Original. „Ein Muss für jeden Studenten“, erklärt mir ein bärtiger Student. Und mindestens ein heißer Tipp für alle Umsonst-und-Draußen-Fans. Denn das Programm des Festivals ist mehr als üppig: Zwei Bühnen mit Bands verschiedenster Genres, von Schüler-Rock über Singer / Songwriter-Folk bis hin zu kaukasischem Party-Polka von der Band Vladi Wostok. Das Sommerfest Vorstraße ist unter Bands begehrt: Nicht das Festival geht auf die Bands zu, sondern die Bands auf das Festival. Jede Band muss sich brav bewerben und wird in einem Votingsystem bewertet. „Wir hatten sogar Bewerbungen aus der Schweiz“ , erklärt mir Stefan aus dem Vorstand. „Aber wir bevorzugen eher lokale Bands – letztes Jahr spielten bei uns unter Anderem Faakmarvin aus Bremen.“ Das unterstreicht den lokalen Charakter des Events und schont den Geldbeutel.

Studentische Tradition im Wohnheim „Am Fleet“

Lovebremen_Blog_Magazin_Sommerfest_Vorstraße-6Schwenkgrills schwingen neben Biertresen, ein Kinderfest am Samstagnachmittag sorgt für Action bei allen Halbstarken. Für die lyrische Muse gibt es Samstag auf der kleinen Bühne Poetry Slam, für den Teamgeist ein „Flix“-Turnier – ein Kickerspiel der intensiveren Art. Eine Studentin eilt mit dem ersehnten Stromadapter an mir vorbei, die Stimmung bei der Kühlbox ist nicht gut. Ein fehlender Stecker ist jedoch nur eine Masche im Netz aus Problemen, dass sich bei dem Eventmanagement über das Festival legt. Hier ein unpassendes Brett, da eine Bank zu wenig. Tausende Besucherscharen fordern das Sommerfest-Team jedes Jahr aufs Neue – dabei war das Fest lange Zeit sehr überschaubar. „Auf einem Foto von 2009 sieht man noch einen einsamen Schwenkgrill im Innenhof des Studentenwohnheims kreisen“ , steckt mir Stefan zu. Profesionelle Bühnentechnik gibt es erst seit einigen Jahren. Früher luden Freunde Freunde ein, heute ist das Event unter Studenten bekannt und begehrt. Erst 2011 wurde der Verein um das Sommerfest Vorstraße gegründet, damit etablierte sich die wilde Idee zu einer starken Marke. 44 feste Freiwillige organisieren und schwitzen dieses Jahr auf dem Sommerfest, Dutzende Bewohner des Studentenwohnheims übernehmen Schichten am Tresen oder Grill. Das Ganze ehrenamtlich, versteht sich.

Seit 39 Jahren ein Bremer OriginalMittagspause. Töpfe mit dampfenden Essen werden in die umfunktionierten Fahrradkäfige gebracht, die auf dem Fest als Biertresen dienen werden. Ausgelassene Stimmung, trotz Stress bis an die metallene Decke. „Wir sind mehr als ein Team“, erklärt mir Stefan. Ein Freiwilliger haut seiner Kollegin kameradschaftlich auf den Rücken, mühsam hält sie den Teller Eintopf fest und schenkt ihm einen kollegial-vernichtenden Blick. „Viele von uns sind Freunde.“ Die Kultur des Miteinanders und des Sommerfestes hat eine lange Tradition: Seit 39 Jahren findet jeden Sommer in der Vorstraße das sagenumwobene Event statt – Jahrzehnte an Erfahrung und Tradition, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Aus einem Rundgrill entstand ein Festival mit Tausenden Besuchern – ein Bremer Original, das den Freigeist und den Ehrgeiz zu neuen Projekten in dieser Stadt widerspiegelt.

Ein lauter Aufruf aus dem Schatten des Getränke-Lastwagens, die beiden Studenten triumphieren über die kühne Kühlbox. Das Sommerfest Vorstraße hat sein Ecken und Kanten. Trotzdem finde ich: Es passt alles auf diesem Sommerfest. Nicht nur der Stecker.