Zugegeben: Auf Plastik zu verzichten, ist gar nicht so einfach. Gerade im Supermarkt kann man angesichts der Verpackungsmenge oft nur noch mit dem Kopf schütteln: Müsli, das gleich doppelt verpackt ist, eingeschweißte Paprika oder Käsescheiben, die durch Plastikfolie getrennt werden – die Liste ist endlos. In vielen Großstädten gibt es deshalb eine Gegenbewegung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den verpackungsfreien Supermarkt voranzutreiben. Auch in Bremen soll Mitte September ein Laden aufmachen, der fast komplett auf Verpackungen verzichtet. Ich habe mich mit Selcuk Demirkapi, dem Initiator dieser Idee, getroffen und mit ihm über sein Konzept, die Auswirkungen des Plastikwahns und die Verschwendung von Lebensmitteln gesprochen.

„Viele wollen ohne Plastik einkaufen“, ist Selcuk Dempirkapi überzeugt. „Jetzt ist es endlich soweit.“ In dem Geschäft Vor dem Steintor 189 ist der 31-Jährige schon seit Wochen fleißig am Werkeln – Mitte September soll „SelFair“, Bremens erster Supermarkt ohne Verpackungen, in den ehemaligen Räumen der Sparkasse seine Türen öffnen. Auf einer Verkaufsfläche von 120 Quadratmetern können Bremer hier künftig alles für den täglichen Bedarf bekommen und dabei noch Gutes tun: Rund 95 Prozent der Produkte sind unverpackt, verspricht der Bremer Unternehmer. Die Lebensmittel werden von den Lieferanten in Säcken oder Kartons anliefert. Leider sind die Kosten für unverpackte Produkte deutlich höher – sehr zum Ärger des Gründers. „Das ist unfair“, sagt er.

Abfüllen und einpacken – ohne Verpackungsmüll

„Plastik ist schließlich nicht nur umwelt-, sondern auch gesundheitsschädigend“, erklärt Selcuk. Der ehemalige Wirtschaftspsychologie-Student ist schon lange genervt von dem vielen Plastik, das nicht nur beim Einkaufen anfällt. Gesundheit, Nachhaltigkeit, Frische, Fairness und soziale Verantwortung spielen für Selcuk eine große Rolle und das sollte sich auch in seiner Gründeridee widerspiegeln. Da er selbst jahrelang nebenbei im Lebensmitteleinzelhandel gearbeitet hat, fiel die Wahl für einen Einkaufsladen nicht schwer. „Aber ich wollte etwas machen, das es noch nicht gibt.“

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Selcuk hat sich vorgenommen, die 100 gesündesten Lebensmittel zu verkaufen und über ihren Hintergrund zu informieren. Obst, Gemüse, Müsli, Tee, Kaffee, Trockenfrüchte, Lakritz sollen bei „SelFair“ verpackungsfrei über die Ladentheke gehen. Aber auch regionale Weine aus Deutschland, hausgemachte Feinkost, Milchprodukte, Brot und Getränke werden ab Mitte September in den Regalen zu finden sein. Fast alle 300 Produkte sollen als lose Ware angeboten werden. Selcuk setzt darauf, dass die Bremer ihre Einkaufsbeutel oder Behälter selbst mitbringen. Wer selbst nichts dabei hat, kann notfalls auf die Papiertüten zurückgreifen, die im Geschäft ausliegen.

„Gesundheit ist bei vielen Leuten ein Lebensstil geworden“

Neben der Vermeidung von Plastikmüll verfolgt Selcuk damit noch ein weiteres Ziel: Die Einkäufer bei „SelFair“ füllen sich nur die wirklich benötigte Menge der Lebensmittel ab. „Jährlich werden in Deutschland Lebensmittel für über 21 Milliarden Euro einfach weggeschmissen“, kritisiert er. Das liege auch daran, dass viele abgepackte Produkte nur in Großverpackungen angeboten werden. Bei „SelFair“ sollen Spendersysteme Abhilfe schaffen, die einfach bei Bedarf wieder aufgefüllt werden können.

Der verpackungsfreie Supermarkt liegt im Trend, so die Einschätzung des Gründers. „Gesundheit ist bei vielen Leuten ein Lebensstil geworden.“ Bevor Selcuk ein Konzept entwarf, setzte er sich ausführlich mit der Frage auseinander: Was wollen die Konsumenten? Seine Marktforschung ergab, dass Käufer Wert auf gesunde Lebensmittel in Bioqualität legen und zudem auf regionale und frische Produkte achten. Mittlerweile spiele auch die soziale Komponente eine immer größere Rolle, also wo und unter welchen Bedingungen die Lebensmittel hergestellt werden. Den Standort im Steintorviertel hat er daher bewusst gewählt. „Die Leute im Viertel haben am ehesten einen entsprechenden Lebensstil.“  Dennoch betont er, dass „SelFair“ nicht nur eine bestimmte Szene anspreche, sondern ausdrücklich „für jeden sein soll“. Auch wenn ein verpackungsfreier Supermarkt mit rund 30 Läden in ganz Deutschland immer noch ein Nischenangebot darstellt, ist Selcuk von seiner Idee überzeugt: „Ich glaube, dass die Bremer darauf gut reagieren.“