Wie flexibel muss ich im Berufsleben sein? Und was macht mich am Ende glücklicher: ein toller Job oder ein tolles Privatleben? Geht nicht auch beides? Fragen, die mich im Herbst 2013 sehr beschäftigt haben, während ich täglich um 7:14 Uhr am Bremer Hauptbahnhof in den IC nach Hamburg stieg, um gegen 8:45 Uhr an meinen Pressesprecher-Schreibtisch in Hamburg-Eimsbüttel zu sitzen. Einen für mich wahren Traumjob hatte ich angeboten bekommen und nach langem Überlegen, ob das Pendeln wohl etwas für mich sein könnte, angenommen. So schlimm kann das doch sicher nicht sein, was so viele andere täglich machen, oder? Meine Antwort heute: Doch.

Flexible Mobilität im Job ist schon lange nichts Besonderes mehr, im Gegenteil. Ihr kennt das auch: In Eurer Facebook-Timeline seht ihr Tag für Tag, wo einer Eurer Freunde gerade jobbedingt für ein Meeting ankommt, wer gerade an welchem Flughafen eincheckt und welcher coffee to go beim morgendlichen Pendeln am liebsten getrunken wird. Und vielleicht geht es einigen von Euch wie mir damals: Das alles wirkt ganz normal. Nicht nur normal, sondern notwendig. Einerseits volle Flexibilität aufbringen, dabei aber andererseits keine Müdigkeit aufkommen lassen – so scheint es zu lauten, das Erfolgsrezept der modernen Arbeitswelt. Laptoparbeit im Zug, immer ein frisch gebügeltes Hemd am Leib und keine Augenringe.

Was in der Theorie so leicht erscheint, ist in der Realität weitaus anstrengender.Doch wer bügelt eigentlich diese Hemden? Wer sorgt dafür, dass der Zug immer pünktlich ist? Und wer schafft es, nach einem 12-Stunden-Tag und ein ein paar Stunden Privatleben noch genügend Schlaf zu bekommen? Was in der Theorie so leicht erscheint, ist in der Realität weitaus anstrengender.

Ich hatte es probiert. Und dabei eines deutlich festgestellt: Der Job hat bei mir keinen so hohen Stellenwert, dass ich vier Stunden meiner Lebenszeit für den täglichen Arbeitsweg opfern möchte. Allein diesen Satz zu schreiben, fühlt sich unzeitgemäß an. Weil er so klingt, als hätte ich keine Lust, mich im Berufsleben zu engagieren. Opfer zu bringen. Mich ordentlich reinzuhängen. Aber ganz das Gegenteil ist der Fall: Ich häng mich gern rein, möchte das Beste aus Projekten und dem täglichen Tun am Schreibtisch rausholen, mich einbringen mit allen verfügbaren Talenten. Und GENAU DAFÜR braucht man auch noch ein paar Stunden am Tag, die nicht dem Job gehören! Für anderes, das den Kopf durchpustet und Denkanstöße gibt. Für Menschen. Für Hobbies. Für die Liebe. Für Sport. Für das Privatleben eben.

foto-4

Es ist das klassische Dilemma der modernen Arbeitswelt: Gerade wenn viel Kraft und Konzentration im Büro, auf der Bahnstrecke und beim Optimieren des Zeitmanagements verloren geht, bräuchte man einen Gegenpol, der den Akku wieder auffüllt. Ein gediegenes Abendessen in ruhiger Atmosphäre mit dem Liebsten, einen Wellness-Ausflug mit der Freundin, eine Runde Sport. Doch wann soll das noch alles stattfinden? Wenn man abgehetzt am Abend heimkommt, keine Gelegenheit hatte, einzukaufen, die letzten Mails noch beantwortet werden müssen und das Hemd für den nächsten Tag noch nicht gebügelt ist?

Ich habe mich im November 2013 gegen den lukrative und spannende Festanstellung entschieden, die ich schon angetreten hatte. Weil ich schnell gemerkt habe, vor welcher Wahl ich stand: Wochenendbeziehung oder weiterhin jeden Arbeitstag vier Stunden pendeln. Die Entscheidung für oder gegen das Pendeln zum Arbeitsort zwingt ab einer gewissen Entfernung pro Strecke zu einer grundlegenden Lebenseinstellung – vor allem, wenn es da noch einen Partner oder Familie gibt.

Wunsch nach Innehalten in einer Zeit der stetigen ArbeitsverdichtungWarum drücken wir denn bei Instagram-Bildern, die eine Kaffee und Kuchen auf einem Couchtisch vor einer gemütlichen Sofaecke zeigen, immer so fleißig „Gefällt mir“? Oder bei einem Foto, dass einen Baum in der glänzenden Abendsonne zeigte? Weil das unsere Bedürfnisse abbildet. Unseren Wunsch nach Innehalten in einer Zeit der stetigen Arbeitsverdichtung. Einer Zeit, in der es angemessen, ja geradezu selbstverständlich ist, eine Entwurzelung zugunsten einer Arbeitsstelle auf sich zu nehmen. „Wie Du willst für einen guten Job nicht früh aus dem Haus? Bist Du faul?“ – das hat mich damals nur ein Mensch gefragt: Ich mich selbst. Aber Bullshit! Bin ich nicht. Während der Wasserkocher heiß läuft, räume ich die Spülmaschine mal eben aus. Wenn ich geschäftlich telefoniere, speichere ich nebenher die Anhänge von Mails ab. Wenn eine Aufgabe erledigt ist, hole ich mir keinen Kaffee, sondern gehe sofort die nächste an. Beim Pendeln habe ich nicht vor mich hingeträumt, sondern gearbeitet. Oft mit Laptop auf den Knien auf dem Boden sitzend, weil die Züge von und nach Hamburg brechend voll sind zu Stoßzeiten.

Meine Kündigung in Hamburg war damals ein schwer zu treffendes, aber umso klareres Bekenntnis zur Idee von „Weniger ist mehr“. Weniger Zeit auf den Schienen, mehr Zeit in Bremen. Weniger Hektik durch den permanenten Blick auf die Uhr, mehr Möglichkeiten fürs Privatleben. Weniger Stress-Knoten im Kopf, mehr Klarsicht für meine beruflichen Aufgaben. Denn ja, ich arbeite gern. Aber nicht um jeden Preis. Und Zeit ist einfach unbezahlbar.

____________________

Warum Martina mit dem Pendeln nach Bremerhaven keine Probleme hat, lest Ihr hier.