Für ihr Masterstudium zog es unsere Leserin Christina 2010 von Bremen in die Mitte von Deutschland. Als sich zwei Jahre später abzeichnete, dass sie für ihren ersten Job wieder in den Norden kommen würde, war schnell klar, wohin sie wollte: zurück nach Bremen – auch wenn diese Entscheidung eine tägliche Strecke von über zwei Stunden reine Zugfahrt nach Vechta und zurück bedeutete .

Heute, vier Jahre später, hat sich an ihrer Pendelsituation nicht wirklich etwas verändert. Zwar gab es eine Phase mit zwei Haushalten, einer zum Wochenenddomizil hochstilisierten Bremer Wohnung und einer eher als profan und zwangsläufig bewerteten Vechtaer Arbeitswohnung; ebenso ist mittlerweile ein Auto in gemeinschaftlicher Nutzung hinzugekommen. Doch nach wie vor muss sie tagein, tagaus an ihre Arbeitstelle. Nach Vechta. Und darüber hat sie – angeregt von unseren Artikeln zum Pendeln nach Bremerhaven und nach Hamburg – geschrieben. Viel Freude mit unserem heutigen Gastbeitrag!

Montag

Auch heute, an diesem nasskalten Montagmorgen, stehe ich am Gleis 2 des Bremer Hauptbahnhofs, um mit der Nordwestbahn um kurz nach sieben die eine Stunde und sechs Minuten (wenn alles funktioniert) ins Büro zu fahren. Ich bin um kurz nach sechs aufgestanden und dafür viel zu spät ins Bett gegangen. Ich hasse das Pendeln!
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Es ist ruhig im Zug, die meisten Mitfahrenden scheinen noch sehr müde zu sein, einige schlafen, andere lesen Zeitung oder arbeiten leise. Ich habe private Lektüre dabei, „Between the World and me“ von Ta-Nehisi Coates. Ich schaffe fast fünfzig Seiten und meinen Thermobecher Kaffee, bis wir den Zielbahnhof erreichen – inklusive atemberaubendem Sonnenaufgang in der niedersächsischen Nichtigkeit bzw. Flachebene aka dem Silikon Valley der Agrarindustrie. Ich liebe das Pendeln!

Dienstag

Am nächsten Tag stehe ich nach der Arbeit um 17:30 Uhr am Bahnhof in Vechta und warte zusammen mit einer größeren Menge weiterer Menschen auf den Zug nach Hause von der Klein- in die Großstadt. Dieser hat schon fünf Minuten Verspätung, als der gegenüberliegende Zug in die Gegenrichtung nach Osnabrück losfährt. Da die Strecke zwischen Bremen und Osnabrück, in deren Mitte Vechta liegt, mehrheitlich eingleisig verläuft, kommt es häufig zu „Verzögerungen im Betriebsablauf“, weil die Züge aufeinander warten müssen. Für mich bedeutet das, weitere fünfzehn Minuten im Nieselregen zu warten. Als der Zug endlich einfährt, besteht er lediglich aus einem Wagon, was nicht annähernd allen Mitreisenden einen Sitzplatz garantiert. Ich bekomme jedoch einen und finde mich neben drei Studierenden der Uni wieder.

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Nach weiteren Verzögerungen in Wildeshausen und Delmenhorst komme ich 45 Minuten später als geplant in Bremen an und bin um etliche Informationen über meine Kolleginnen und Kollegen sowie gute und weniger gute Lehrveranstaltungen aus Studierendenperspektive reicher (O-Ton: „Das ist so unfair, Professor XY integriert absichtlich Rechtschreibfehler in die Klausuraufgaben, sodass alle Antworten falsch sein müssen, weil ja schon die Aufgabe falsch ist!“ oder auch gerne „Glaubst du es reicht aus, wenn ich mir erst am Wochenende die Folien von Dozentin XY runterlade und anfange zu lernen, die Klausur ist schließlich erst in zwei Wochen … wie hieß das Seminar und unsere Dozentin noch gleich?“). Es ist doch immer wieder erstaunlich, welche Informationen und Aussagen Menschen in der vermeintlichen Anonymität einer Zugfahrt preisgeben. Mir ist schwindelig von der stickigen Luft und ich habe Kopfschmerzen. Ich hasse das Pendeln!

Mittwoch

Mein Auto-Tag. Da ich heute lange arbeiten muss, ziehe ich die A1 vor. Seit den Sommerferien befinden sich auf der 70 Kilometer langen Strecke zwei Baustellen in beide Richtungen, sodass keine wirkliche Zeitersparnis zum Zugfahren besteht. Je nach Uhrzeit gestaltet sich die Fahrt mal mehr, mal weniger zeitintensiv. Heute habe ich leider nicht so viel Glück. Eine Spurverengung sorgt kurzzeitig für Stau, sodass ich erst fünfzehn Minuten später am Ziel ankomme. Ach ja, wie schön ist das Zugfahren. Am Abend zahlt sich das Auto jedoch aus. Anstatt noch eine halbe Stunde auf den Zug warten zu müssen (dieser fährt nur einmal pro Stunde), steige ich direkt ein und fahre über eine sehr ruhige A1 nach Hause. Auto sei Dank!

Und so weiter…

Mein Verhältnis zum Pendeln ist, wie der eine oder die andere vielleicht gemerkt hat, zwiespältig. Den täglichen Mehraufwand von insgesamt 2 Stunden und 45 Minuten (von Tür zu Tür) empfinde ich vor allem in den dunklen Monaten häufig als belastend. Ich gehe im Dunkeln aus dem Haus und komme weit nach Sonnenuntergang zurück. Verzögerungen und Störungen im Betriebsablauf häufen sich im Winter. So blieb es in der Vergangenheit beispielsweise nicht aus, dass der Zugführer über Funk mitteilte, dass er wenig sehen konnte, weil seine Scheibenwischer nicht funktionierten. Resultat: Endstation in Wildeshausen.
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Ebenso stellt die Autobahn durch die Baustellen keine wirkliche Alternative dar. Und nicht selten steige ich im Winter überhitzt und im Sommer vor Kälte schlotternd aus der Bahn, weil die Temperaturregulierung in der Nordwestbahn mal wieder nicht richtig funktioniert hat. Andererseits finde ich nirgendwo sonst so viel Gelegenheit in meinem Alltag, meiner privaten Leselust nachzugehen inklusive ausreichend großer Mengen an Kaffee. Die Stunde im Zug ist gesetzt, ich kann mich vor allem auf der Hinfahrt meist entspannen, meine morgendlichen Rituale pflegen und ausgeglichen in den Tag starten. Und bekanntlich haben solche Pendelrituale auf dem täglichen Arbeitsweg gewisse positive Effekte. Auch treffe ich häufig mir bekannte Personen, mit denen ich mich unterhalte, wodurch die Fahrt häufig wie im Flug vergeht.
Letztendlich zählt für mich, wenn ich ehrlich bin, aber ein Argument mehr als alle anderen, warum ich das Pendeln immer vorziehen werde: dass ich in meiner Lieblingsstadt wohnen und leben kann.

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Unsere Gastautorin:

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Christina arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin an der Universität Vechta. Sie ist im Bremer Umland aufgewachsen und wohnt nach zweijähriger Abstinenz aktuell in Mitte. Privat beschäftigt sie sich viel mit Volleyball, ist vielseitig interessiert an Literatur und an den Konzepten von Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit. An Bremen liebt sie besonders die Wallanlagen, die Vielfalt, den blauen Fasan, das Theater und die Weser.

Die ersten beiden Artikel zum Thema „Bremer Pendler“ findet ihr hier:

Martina pendelt nach Bremerhaven

Sandra pendelt nicht mehr nach Hamburg