Rotzevoll! Es ist 2012, kurz vor Mitternacht, und ich stehe mit einem Trenchcoat in einem WG-Schlafzimmer. Ich habe die Jacke teuer gekauft, dann nie getragen, weil sie eine undefinierbare schlammige Farbe hat, und so nen Bauchgürtel, Ihr wisst schon. Aber jetzt ist es dunkel (auch weil ich eine Sonnenbrille aufhabe), und außerdem ist das Motto der Party „3 Engel für Charlie“. Da ich den Film nie gesehen habe, Titel kurz gegoogelt, Bildersuche überflogen und so nen Typen in Trenchcoat gesehen. Und da ich mir gerade einen Schnurrbart habe wachsen lassen, passte das irgendwie. Was nicht passte: Die orange, mit silbernen Punkten bedruckte Krawatte, die ich für 50 Cent (!) bei Karstadt erworben habe.

Ich befinde mich nun in diesem winzigen Schlafzimmer, an dessen Ende (also zwei Schritte weiter) ein Podest normalerweise den Boden für ein Bett bietet. Das Bett ist nicht da, aber dafür eine Band, die sich mit komplettem Equipment aufgebaut hat und einfach mal richtig gut ist. Ich kann mir ihren Namen nicht merken, weil er sehr lang ist, oder mir zumindest gerade sehr lang erscheint, weil meine Erdbeer-Limes-verklebte Zunge auch durch die vorangegangene Jägermeister-Ladung irgendwie verdammt langsam ist. Ihr kennt das.

Ich stehe da also, mit bestimmt einem Dutzend anderer Menschen um mich herum, die alle zu dieser WG-Einzugsparty in Schwachhausen gekommen sind, und singe „I follow rivers“ von Lykke Li, diesen unfassbar guten Song, den ich gerade unfassbar nervtötend finde, weil er ständig im Radio läuft. Aber diese Band – wie heißt die gleich nochmal? -, diese Band macht das irgendwie echt gut. Warum zur Hölle spielen die hier im Schlafzimmer und nicht in irgendeinem angesagten Indie-Club?

Die Band – das erfahre ich am nächsten Tag nochmal – heißt We had to leave. Zum Glück sind sie an dem Abend geblieben.

Vier Jahre später stehe ich in einem kleinen Raum, kaum größer als das Schlafzimmer damals, dieses Mal nüchtern, es ist schließlich Sonntagmittag. Einiges hat sich verändert seit unserem letzten Treffen: We had to leave haben ein Bandmitglied ausgetauscht. Der Sound klingt jetzt weniger nach The XX und mehr nach ihnen. Und ich trinke keinen Erdbeer-Limes mehr (wenn es sich vermeiden lässt).

Ach ja, und: Die drei Jungs haben gerade ihr erstes Album veröffentlicht. A rather confident thought heißt es. Seit Herbst haben sie an den elf Songs gearbeitet, seit Januar jedes Wochenende im Farida-Studio in Osterholz verbracht und dann Ende April die Platte released. Die Arbeit hat sich gelohnt.

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Jetzt geht es um das Release-Konzert, das am Mittwoch, 4. Mai, im Tower stattfinden soll. Die Reihenfolge der Songs steht mit Kreide an die Tafel an der Wand geschrieben. Gerade spielen sie Lucid Dreams, ein Stück von der 2014 erschienenen EP Awake Asleep, und sicher der bekannteste Song von We had to leave.

Auch damals, bei der WG-Party, hatten sie den im Programm, daran erinnere ich mich – trotz allem – noch. Und wer auf der Breminale, bei der Das-Viertel-lebt-Nacht oder bei der Bremen-ist-bunt-Party dabei war, der wird diesen Song auch kennen. Ja genau! Diese großartige Band! Das waren We had to leave.

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Julian Bendixen greift ein paar Saiten seiner Gitarre. „Ist das laut genug?“, fragt er, und seine beiden Bandkollegen nicken. Sie stehen auf engstem Platz in dem Proberaum des Vereins Musikszene Bremen im Alten Zollamt, den sie sich mit der Band Moving Houses teilen, hinten in der Ecke. Alte rote Vorhänge halten die Sonnenstrahlen zurück, trotzdem ist es schweineheiß in der Bude, in der sie jetzt schon seit ein Uhr spielen. Der Kasten Bier in der Ecke ist unangetastet, seit Wochen. „Wir kriegen die einfach nicht leer“, sagt Julian. „Dabei sind unsere besten Songs bei Bierproben entstanden.“ – „Vielleicht sollten wir nicht immer vormittags proben“, wirft Chris Heinze ein und lacht.

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Bassist Chris

 

Der rothaarige Bassist ist der Neue in der Band, 2013 ist er dazugestoßen. Der 27-Jährige kommt gebürtig aus Bentheim, ist fürs Studium nach Bremen gezogen und hat an der Uni Sänger Julian und Drummer Torben Germer kennengelernt. Vorher war er in einer Metalcore-Band. „Chris ist der einzige von uns, der Musik studiert hat“, sagt Julian. – „Ich bin sozusagen das musikalische Korrektiv“, meint Chris, der schon mit sechs Klarinette gelernt hat und heute noch im Orchester spielt, und schiebt dann grinsend hinterher: „Nein, Spaß. Wir sind eine demokratische Band – auch wenn Julian denkt, er ist der Leader.“ Tatsächlich liefert Julian meist das Basismaterial für die Songs. „Und wir hacken das dann komplett auseinander und machen etwas ganz anderes draus“, sagt Torben mit ironischem Unterton.

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Drummer Torben

Der elektronische Einschlag, die gitarrenlastigen Melodien, das schnelle Schlagzeug – all das ist dem Sound von We had to leave erhalten geblieben. „Aber wir sind jetzt etwas poppiger unterwegs als damals“, sagt Julian. „Weniger Wave-Sound.“ Hörbar wird das vor allem bei der aktuellen Single Small Voices. Hat das strategische Gründe? Torben lacht. „Nein. Wir wollen das machen, was wir mögen – auch, wenn das für den Hörer herausfordernder sein kann.“ Der Stil habe sich einfach in den vergangenen Jahren in diese Richtung entwickelt.

Jahre, die auch mal herausfordernd waren. Zwar hat die Band auch international Konzerte gespielt. Vor einem Monat zum Beispiel ist sie in Belgien aufgetreten – und hat anschließend mit zehn Leuten in einem Wohnzimmer gepennt. „Wir kannten die nicht einmal“, sagt Chris und schüttelt lachend den Kopf. „Aber das gehört halt dazu.“ Meistens fahren sie mit ihrem grünen Bulli zu den Gigs. „Aber manchmal waren da nur zwei Leute im Publikum“, sagt Julian. – „Und die zwei waren Freunde von uns“, ergänzt Chris.

Demotiviert das nicht? „Nein“, meint Chris. „Wir haben ja früh eingesehen, dass wir damit nicht unseren Lebensunterhalt bestreiten können und wollen. Es soll einfach nur Spaß machen.“ Hauptberuflich sind alle drei nämlich: Lehrer. Julian unterrichtet Englisch sowie Wirtschaft, Arbeit und Technik in der fünften und sechsten Klasse; Torben Englisch und Politik. Chris hat Musik und Bio auf Lehramt studiert und macht gerade sein Referendariat in Buxtehude. Während der Album-Aufnahme sind sie häufig quasi direkt aus dem Klassenzimmer ins Tonstudio gefahren.

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Sänger Julian

Jetzt wollen We had to leave ihr erstes Album groß feiern – und haben sich dafür den Tower ausgesucht. Das war auch die Location, in der sie im November das letzte Mal in Bremen live aufgetreten sind. Dann gehen sie auf eine kleine Promo-Tour, und legen anschließend aus familiären Gründen erst einmal eine Pause ein. „Wollen wir dann mal?“, fragt Chris, spielt seinen Bass an und schaut in die Runde. Die Jungs nicken, und dann legen sie los. Nur noch wenige Proben bis zum Konzert – nach dem sie vielleicht zum ersten Mal Autogramme geben, auf ihre eigenen CDs.

Falls Ihr mich sucht: Ich bin dort. Genau, der mit dem Trenchcoat, der Sonnenbrille und dem Erdbeer-Limes-verklebten Bart. Aber keine Sorge Jungs, ich werde Euch nicht die Show stehlen – dafür singe ich zu schlecht. Und Gitarre spielen – das habt Ihr hier gelesen – kann ich auch nicht.

 

We had to leave spielen am Mittwoch, 4. Mai, ab 20 Uhr im Tower. Support gibt es von der Bremer Band Ophélia. Tickets kosten sechs Euro. Mehr Infos zum Konzert gibt es hier. Mehr zur Band und zum neuen Album findet Ihr hier.

 

Fotos: Max Hartmann

 

Ach so, Ihr glaubt die Passage mit der WG-Party nicht? Dann hier der Videobeweis (mit einer Solo-Performance des mittlerweile ausgeschiedenen Bandmitglieds) und meinem Outfit (warum, um Himmels Willen, warum?) von damals. Schockschwerenot!