Es ist schon erstaunlich: Egal wo ich hinkomme – alle sprechen von Manufactum, diesem „Warenhaus der guten Dinge“, das am 22. September um 12 Uhr am Domshof eröffnen soll. Eine Kollegin will sich dort Geschenkpapier kaufen, ein Freund neue Möbel, und jemand aus der Verwandtschaft freut sich schon darauf, durch die Kleidungsangebote zu stöbern.

Und ich? Habe keinen Plan, was dieses Manufactum überhaupt ist.

Also: Rauf aufs Fahrrad und rüber zum Domshof. Wenn das Geschäft bereits am Donnerstag eröffnen wird, dann sind da doch bestimmt ein paar Leute unterwegs und bauen auf, denke ich. Vielleicht ist ja bereits etwas zu sehen.

lovebremen-blog-magazin-manufactum

Ich schließe mein Fahrrad zwischen den vielen Liefer- und Handwerkerwagen an, die vor dem Eingang des ehemaligen Bankgebäudes am Domshof 8-12 stehen. Schon von weitem höre ich das Bohrmaschinensurren, Kistenklappern, Folienrascheln, und als ich das Gebäude durch den Seiteneingang betrete, stehe ich mitten im Chaos: Männer in Blaumännern laufen schnellen Schrittes mit ihren Werkzeugkisten durch die engen Gänge der hochgestapelten Warenkisten.

Vor dem Tresen auf der rechten Seite kniet ein Mann und schneidet schmale Fliesen zurecht, hinter dem Tresen wird die Kaffeemaschine installiert. Einer der ehemaligen Tresorräume wurde zur Spülküche umgebaut – die dicke Tresortür aber haben sie drin gelassen und auf einer Seite mit Plexiglas verkleidet, sodass man das komplizierte Zahnrad-Konstrukt dahinter sehen kann. Die Treppe etwas weiter vorne, die vom Vorraum hoch in den künftigen Verkaufsraum führt, ist mit Teppichen und Holzbohlen abgedeckt.

Und genau dort steht eine junge Frau, große Brille, blonde Haare, Klemmbrett unter dem Arm. Die kennt sich hier bestimmt aus.

 

Und: Jackpot!

Bettina Schernau ist die Storemanagerin, und gerade ganz schön im Stress: Die für acht Uhr morgens angekündigte Lieferung ist immer noch nicht da. Während sie mit einigen Helfern – gerade sind etwa 30 von ihnen in dem großen Saal unterwegs – das weitere Vorgehen bespricht, rauscht es ständig aus ihrem Funkgerät, klingelt eines ihrer zwei Handys. „Auf den letzten Metern wird man schon ein wenig nervös“, sagt die 43-Jährige. „Aber es ist ein schönes Gefühl, dass es jetzt endlich bald losgeht. Der Eröffnung steht nichts mehr im Weg.“

Äh Bettina – hast Du kurz Zeit? Für Lovebremen? Kurzer Blick auf die Uhr. „Na klar“, sagt sie lächelnd. Schnappt sich ihr Portemonnaie, wirft noch einmal einen Blick in die Runde, und schon schlendern wir rüber zum Alex. Kaffee? Kaffee.

lovebremen_manufactum_1798

„Wahnsinn“, sagt sie nach einigen Metern erstaunt, „die sind ja schon wieder fast alle weg!“ Auf der Palette zu ihren Füßen liegen nur noch einige wenige Manufactum-Kataloge, quasi im Minutenteakt halten Menschen an, um sich ihr Exemplar mitzunehmen. Griff zum Walkie-Talkie: „An alle: Könnte jemand eine neue Palette rausstellen?“ Es knistert kurz, dann die Antwort. „Morgen soll es aber regnen.“ – „Das macht nichts, bis dahin sind sie weg.“ Dann wendet sie sich wieder mir zu und erklärt: „Die Kataloge sind für manche ein echtes Happening“, sagt Bettina. Einige sammeln die telefonbuchdicken Wälzer, die mit vielen Fotos und ausführlichen Texten zu den hochwertigen Produkten gespickt sind, sogar. „Dass uns die Bremer den Katalog nahezu aus den Händen reißen, freut mich natürlich. Wir fühlen uns jetzt schon willkommen, obwohl wir noch nicht einmal geöffnet haben.“

Tatsächlich scheint das Interesse groß zu sein: Immer wieder halten Menschen an, werfen einen neugierigen Blick auf die Baustelle. Trotz Leitern, Werkzeugen, Planen und jeder Menge unausgepackter Kisten kann man schon jetzt erahnen, wie schön das Geschäft aussehen wird, wenn es fertig ist.

Das liegt auch an dem Charme des altehrwürdigen Gebäudes von 1904 im Neorenaissance-Stil, in das Manufactum auf knapp 1000 Quadratmetern einzieht. Besucher schreiten erst unter den hohen, dunkelbraunen Türrahmen aus Holz mit aufwendigen Schnitzereien hindurch, bevor sie dann im großen, hellen Saal stehen. Links wird sie die Frischetheke von brot&butter empfangen, mit wohlduftenden frischgebackenen Broten, deren Fertigung sich auch in der gläsernen Bäckerei live miterleben lässt, die gerade noch im Aufbau ist.

Und drum herum ist schon Shop, man steht also direkt inmitten dieser sorgsam ausgewählten, fair und ökologisch produzierten Produkte. Gin! Bier! Shirts, Küchenhelfer, Gartengeräte, Kuscheltiere, Bürobedarf! Liebevoll und mit Blick fürs Detail arrangiert in sowie auf dunklen Regalen, die mancherorts bis an die Decke reichen. Apropos: Hier fällt das Licht sanft durch die wunderschön gestaltete Glasdecke in der Mitte des Raumes, die sofort alle Blicke auf sich zieht.

manufactum_warenhaus_bremen_innenansicht

Auch das Alex hat ein Glasdach, und dort sitzen wir jetzt. Bettina mit einem Latte Macchiato, ich mit einem klassischen Kaffee. Die Domglocken läuten zur vollen Stunde. Die 43-Jährige lächelt. „Ich mag den Klang der Kirchenglocken“, meint sie und blickt hoch zu den zwei Türmen des Bremer Wahrzeichens. „Es ist schon ein großes Glück, dass ich im Schatten des Doms arbeiten darf – und dann auch noch in so einem tollen historischen Gebäude.“ Das hat es ihr schon angetan, als sie zum allerersten Mal drin stand, vor knapp einem Jahr. „Ich habe gleich gemerkt: Hier gehöre ich hin.“

Trotzdem musste sich Bettina natürlich erst einmal im Bewerbungsverfahren durchsetzen. „Als ich gehört hatte, dass Manufactum nach Bremen kommt, war ich sofort Feuer und Flamme“, sagt die Storemanagerin, die zehn Jahre lang in Düsseldorf gewohnt hat und dort selbst Manufactum-Kundin war: Vor allem das hochwertige Geschenkpapier gehörte zu ihren regelmäßigen Einkäufen. Übergesprungen ist der Funke bei ihrem ersten Besuch aber bei einem anderen Produkt. „Ich bin so zwischen den Regalen geschlendert und habe gestöbert – und plötzlich sehe ich ihn: einen tschechischen Druckbleistift, so einen richtig typischen, wie ich ihn früher in meiner Schulzeit in Ostdeutschland besaß. Und ich dachte nur so – wow, den gibt es noch!“ Gekauft hat sie ihn sich aber nicht. Es wird das erste Produkt in ihrem Warenkorb sein, wenn Manufactum am Donnerstag eröffnet. „Das habe ich mir für diesen ganz besonderen Moment aufgespart.“

Bettina ist in Rostock aufgewachsen, hat unter anderem bei Peek & Cloppenburg gearbeitet, zuletzt war sie Abteilungsleiterin für Damenoberbekleidung bei Dodenhof in Kaltenkirchen. Dass sie vor etwas mehr als einem Jahr schließlich in Bremen gelandet ist, hat aber nichts mit dem Job, sondern mit ihrem Lebensgefährten zu tun – den sie zärtlich „Lebensverschönerer“ nennt. Tiefe Liebe hat sie aber nicht nur zu ihm empfunden, sondern ziemlich schnell auch zu ihrer neuen Heimat. „Die kurzen Wege, diese ganz besondere Atmosphäre“, schwärmt sie. „Ich habe mich hier sofort wohl gefühlt.“

Ok, Zeit für ein kleines Kreuzverhör:

Lieblingsort?

„Die Schlachte! Aber nicht dort, wo es ums Sehen und Gesehen werden geht, das ist nicht so mein Ding, eher unten auf den Treppen oder Bänken. Mit einem Eis oder Getränk dort sitzen und auf die Weser schauen – traumhaft.“

lovebremen_manufactum_1547

Lieblingsquartier?

„Ganz klar das Viertel. So urban und vielseitig, aber nicht durchgestyled, das gibt es selten. Ich mag die vielen kleinen Läden. Und ich liebe es, im Café Engel zu frühstücken.“

Größte Überraschung?

„Mein Lebensverschönerer und ich sind kulturell sehr interessiert: Konzerte, Theater, Filme – alles, was für den Kopf und das Herz gut ist. Und das hat mich wirklich überrascht, wie viel gute Kleinkunst es in Bremen zu erleben gibt. Wir gehen gerne in den Schlachthof, oder zum Poetry Slam ins Lagerhaus. Das Kukoon ist wunderbar. Und die Gondel. Es gibt so vieles Gutes.“

Und sonst so?

„Ich fahre gerne Fahrrad, am liebsten an der Weser entlang, die Strecke runter nach Achim. Und vom Lesen kann ich nicht genug bekommen. Mein Lieblingsautor ist Martin Suter. Russische Literatur ist auch toll. Ach ja, und: Ich mag es, wenn Dinge des Alltags besonders schön und hochwertig sind, sodass man lange etwas davon hat. Wenn Produkte ihre ganz eigene Geschichte erzählen.“

Womit wir wieder beim Thema wären: Manufactum. „Das hat mich schon immer begeistert: Diese Werte, die das Unternehmen vertritt. Hier steht wirklich nur in den Regalen, was das interne Qualitätsmanagement passiert hat. Und da gibt es strenge Kriterien: Die Produktion muss fair und umweltbewusst sein, die Produkte langlebig und nachhaltig. Es gibt nichts im Sortiment, hinter dem ich nicht einhundertprozentig stehen kann. Deswegen bin ich auch so glücklich mit meinem neuen Job, ich meine, was gibt es Besseres? Und dann auch noch – entschuldige bitte – an so einem affengeilen Standort!“

Natürlich: Diese Ausrichtung auf Nachhaltigkeit, Qualität, all das – das trifft den Nerv der Zeit. Mit dem Unterschied, das Manufactum bereits seit der Gründung 1987 diesen Anspruch vertritt. Und wer schon einmal bei Manufactum einkaufen war, wird in Bremen viele Produkte wieder entdecken. „Unser Sortiment ist langlebig“, erklärt Bettina. „Hier geht es nicht um die Befriedigung von Kaufräuschen. Hier geht es darum, gute Produkte zu verkaufen, von denen die Kunden am besten ihr Leben lang etwas haben. Und wenn doch einmal etwas kaputt geht, ist es reparierbar.“

lovebremen_manufactum_1555

Auch sie selbst versucht ihr Konsumverhalten zu hinterfragen. Isst selten Fleisch, und wenn, dann gutes vom regionalen Bio-Bauern. Versucht, Emotionskäufe zu verhindern und jeden Einkauf zweimal zu hinterfragen. Und sich so gut wie möglich über die Hintergründe der Produkte zu informieren, die sie konsumiert. Weil die Manufactum-Kunden ähnlich leben wie sie, sind gerade in diesem Bereich der Information auch viele Veranstaltungen geplant: Am 5. November etwa gibt es einen Workshop zur traditionellen Nassrasur. Es werden auch mal Pomologen eingeladen, die etwas zu alten Apfelsorten erzählen, Tastings für Gin und Whiskey veranstaltet, Hersteller kommen vorbei, um ihre Produkte vorzustellen. „Wir wollen die Verbraucher abholen und mitnehmen. Echte Erlebnisse schaffen.“

Aber bevor die Kunden in den Genuss davon kommen, muss Bettina erst einmal ein anderes Erlebnis meistern: die Einrichtung des Stores. Ihr Funkgerät knackt und knistert wieder, jemand spricht. „Ich muss zurück ins Gebäude“, sagt Bettina. „Sehen wir uns zur Eröffnung?“ Wir sehen uns, sage ich. Jetzt erst recht.

 

Manufactum eröffnet am Donnerstag, 22. September um 12 Uhr. Ab dann wird das Geschäft montags bis sonnabends von 10 bis 19 Uhr geöffnet haben. Alle Infos dazu findet Ihr hier. Einen Bericht über die neue Markthalle 8 haben Euch Insa und Sabrina zusammengestellt