Gastbeitrag vom Bremer Taxiblogger

Seit dem Brand im Modehaus Harms am Wall sind ja nun einige Monate vergangen. Ich habe damals diese Meldungen und Ermittlungen eher beiläufig mitbekommen – spannend wurde das Thema für mich erst, als es hieß: Der Wall bleibt monatelang geschlossen! Das hat wohl so ziemlich jeder Bremer mitbekommen. Mittlerweile ist diese wichtige Straße wieder geöffnet – jedoch leider nur als Einbahnstraße zwischen Bischofsnadel und Herdentor. Das wissen aber scheinbar nur die wenigsten.

Es sind nur wenige hundert Meter, aber für mich als Taxifahrer ist das eine sehr wichtige, wenn nicht sogar die wichtigste Änderung in meinen Job. In den Abendstunden und nachts bekomme ich viele Fahrten von Walle oder der Überseestadt ins Viertel – und jetzt muss ich dem Fahrgast eine unfreiwillige Umleitung über die Martinistraße oder den Rembertikreisel reindrücken. Das ist eine Sache paar Euro mehr, aber viele meiner Kunden verstehen das einfach nicht. Nun könnte ich pauschal sagen: Der Wall als Einbahnstraße ist besser für mich, weil er mir mehr Geld bringt. Aber das stimmt leider nicht! Mir wäre es viel lieber, wenn alles beim Alten bleiben würde. Der Fahrgast spart seine 2-4 Euro zusätzlich, die Fahrt ist stressfreier und am Ende ist jeder besser gelaunt. Und ein gut gelaunter Fahrgast gibt mehr Trinkgeld, als ein schlecht gelaunter…

Vorletztes Wochenende war „Wall-technisch“ wieder mal bei mir der Wurm drin. Es passierte am Samstag, kurz nach 23 Uhr, ich hatte eine Tour nach Gröpelingen und wieder leer unterwegs in die Innenstadt. Ein junger Mann hat an der Haltestelle „Doventor“ seine Straßenbahn verpasst. Kurz darauf sah er mich und winkte mich heran. Er wollte zum Goetheplatz und als ich den Hinweis gab, dass wir nicht über den Wall fahren können, hatte er schon gar keine Lust mehr aufs Taxi und verabschiedete sich mit den Worten: „Nee sorry, nix gegen dich, aber der Umweg ist mir zu blöd.“ Ärgerlich, aber nicht dramatisch – denn so was passiert öfters mal. Ich fuhr dann Richtung Innenstadt weiter und hatte unfassbares Glück, denn nach nur wenigen Metern wurde ich erneut heran gewunken (das passiert in dieser Gegend und zu dieser Zeit eher selten, zweimal hintereinander ist schon ganz großes Glück). Diesmal wollten zwei junge Damen ins Hegarty´s. Und als ich kleinlaut versuchte zu erklären, dass wir nicht über den Wall fahren können, wollten die beiden aussteigen und lieber laufen. Entgeistert dachte ich mir: „Das gibt es doch gar nicht!“ Genervt nahm ich daraufhin Kurs Richtung Taxistand „Am Brill“, als mich an der Bürgermeister-Smidt-Straße wieder jemand heranwinkte. 3 Winker in 5 Minuten – ein sehr erfreuliches und seltenes Phänomen im Bremer Taxikosmos. Ein Mann, Ende Vierzig, stieg ein und säuselte:

„Bring mi na haaauuuse!“

Meine Antwort: „Gerne doch, wo ist denn das zu Hause?“

„Isss egal, kann mi beim Stadion rauslasse!“ Nach einer halben Sekunde fügte er hinzu: „Und fahr nur übern Wall!“

„Das klappt leider nicht, der ist jetzt ne Einbahnstraße!“

„Ja na und? Ihr Taxitypen fahrt eh wie ihr wollt, ich geb dir nen Zehner extra!“

„Dummerweise ist da die Polizeiwache, also lassen wir das lieber. Und für den extra
Zehner können wir auch den erlaubten Weg über Martinistraße fahren! Würde sogar noch
viel weniger kosten“

„Nee, nix da Meista! Es jeht ums Prinzip! Ich lauf wieder!“

Sprachs und torkelte davon. Ich habe also dank der Einbahnstraßen-Regelung innerhalb von 5 Minuten 3 Fahrgäste
verloren.

Lieber Wall, kannst du bitte, bitte, bitte wieder zweispurig werden?