Jede Menge Mittagspausen bin ich schon unter dem Blätterdach am Deich entlang gelaufen, habe im warmen Spätsommer auf der Treppe vor der Jugendherberge mein Gesicht der Sonne entgegen gestreckt und mich beim Blick auf die Platanen am gegenüber liegenden Ufer gefragt: Wieso sollen diese vielen tollen Bäume getötet werden? Können sie nicht einfach ausgebuddelt und später wieder einpflanzt werden? Wieso statt dessen kleine neue Bäume pflanzen? Und wie schrecklich wird die Uferseite wohl ohne die Giganten aussehen?

Viele, viele Fragezeichen… und dann erreichte mich vor zwei Wochen eine Mail von Steffi Neumann (ich kenne Steffi vom Förderprogramm IDEENLOTSEN – BUSINESS AS UNUSUAL, an dem wir beide 2014 teilgenommen haben) mit dem Aufruf zur Aktion „133 Bäume – 133 Werke – Wir retten gemeinsam die Platanen am Deich!“ Ich war und bin immer noch begeistert, dass es Leute gibt, die sich für die Bäume stark machen, und werde die Aktion auf jeden Fall unterstützen.

Was und wer genau hinter der Aktion steckt, erfahrt ihr in einem kleinen Interview mit Steffi (MUSTERGÜLTIG Design) und Gunnar (Bürgerinitiative Platanen am Deich).

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Die Köpfe hinter der Aktion und eine Handvoll Kreative/Künstler mit ihren Werken (li. Gunnar Christiansen , vorne re. Steffi Neumann)

Für alle, die noch nichts von den Plänen der Stadt gehört haben – was ist am Weserdeich geplant?

Gunnar: Auf Grund der Umsetzung des Generalplans Küstenschutz soll der Neustädter Deich (Stadtstrecke) von Beck´s bis zum Rotes Kreuz Krankenhaus, auf einer Länge von ca. 1,8 km erhöht bzw. die Standsicherheit verbessert werden. Im Rahmen der Planungen zu dem Projekt wurde vom Deichverband eine Machbarkeitsstudie erstellt, in der verschiedene Varianten zum Deichbauprojekt entwickelt und erörtert werden. Und obwohl es in dieser Studie Varianten gibt, die den Erhalt der 133 mächtigen und stadtökologisch wertvollen Platanen auf weiter Strecke ermöglichen, beabsichtigt die Baubehörde eine andere Variante (sog. Vorzugsvariante) durchzudrücken.

 


Auszug aus dem am 19.11.2016 im Weser-Kurier erschienenen Leserbrief von Gunnar Christiansen (Mitglied der Bürgerinitiative). Der LB enthält wesentliche Informationen zum Bauprojekt!

…Die Fällung der 133 Platanen ist nicht notwendig, um den Hochwasserschutz in der Neustadt zu gewährleisten. Dies lässt sich unmissverständlich der vom Deichverband und Bauressort in Auftrag gegebenen Machbarkeitsstudie entnehmen! Ebenso gehen die offiziellen Baumgutachten des Deichverbandes von einer Lebenserwartung der Platanen von 50-60 Jahren aus. Davon will man im Hause Lohse allerdings nichts mehr wissen. Aber dem Bauressort und Stadtplanern geht es offensichtlich, auch wenn die Senatsbaudirektorin Fr. Reuther dies immer wieder betont, in erster Linie nicht um den Hochwasserschutz, sondern der Neustädter Deich soll ohne Rücksicht auf den wertvollen Baumbestand stadtplanerisch „bespielt“ werden. Der Hochwasserschutz Bremens dient dem Lohseressort vielmehr dazu, die stadtplanerischen Ambitionen des Innenstadtkonzeptes „Bremen Innenstadt 2025“ zu verwirklich. In diesem Stadtplanungskonzept wird die Alte Neustadt dem Innenstadtbereich zugeschlagen und soll stadtplanerisch erschlossen und „aufgewertet“ werden. Dem stehen die 133 Platanen, im wahrsten Sinne des Wortes, offensichtlich im Wege. Mit dem Kahlschlag von Beck´s bis zum Rotes Kreuz Krankenhaus soll eine breite Uferpromenade (ca. 6 Meter breit), ähnlich wie an der Schlachte, verwirklicht werden. Das dies auf Kosten des stadtökologisch wertvollen Baumbestandes und damit der Lebensqualität und Gesundheit der Bremer Bürger geschieht, wird wider besseren Wissens in Kauf genommen. Von den höheren Kosten von ca. 2 Mill. Euro, die bei Fällung der Bäume zusätzlich für den Bremer Haushalt anfallen würden, ganz zu schweigen.

Auch dass die vom Bauressort geplante Kahlschlagvariante und damit alle prämierten Wettbewerbsbeiträge zur Umgestaltung des Neustädter Deiches dem Bundesnaturschutzgesetz widersprechen, interessiert im Bauressort wohl niemanden mehr. Das Bundesgesetz besagt aus gutem Grunde, dass Bauprojekte so umzusetzen sind, dass sie den geringstmöglichen Schaden in der Natur anrichten. Entweder ist dies dem von Senator Lohse geführten Bauressort nicht bekannt oder es besteht die Absicht, sich darüber hinwegzusetzen. So oder so, sind dies trostlose Aussichten für ein lebenswertes und grünes Bremen!


 

Gäbe es Deiner Ansicht nach einen alternativen Weg, bei dem die positiven Effekte der geplanten Umgestaltung erreicht und die Bäume dennoch bewahrt werden könnten?

Gunnar: Wie oben beschrieben, gibt es Varianten, die den Erhalt des Baumbestandes auf dem Deich ermöglichen (zumindest bis unterhalb des Wehres/oberhalb des Wehres müssten noch Alternativvarianten entwickelt werden). Der wesentliche Unterschied dieser Varianten zu der vom Lohser-Resort bevorzugten Variante liegt darin, dass diese Varianten einen wesentlich breiteren Weg auf dem Deich vorsehen, den man, wenn es denn von den BremerInnen gewünscht ist, auch stadtplanerisch gestalten könnte. Die Uferpromenade wäre auch bei diesen Varianten immerhin noch 4 Meter breit und könnte gestaltet werden…

Warum bewegt Dich persönlich das Thema so sehr, dass Du 133 Bäume – 133 Werke ins Leben rufst?

Steffi: Als Kreativschaffende ist mir ganz besonders an einem positiven Stadtklima, einer schönen Lebensatmosphäre und einem verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur und Ressourcen gelegen. Außerdem halte ich mich oft am Deich auf, z.B. um im Karton zum Mittagstisch oder auf einen Kaffee ins PAPP zu gehen. Die Platanen am Deich rahmen den Radweg entlang der Weser wunderschön ein, ich bin 8 Jahre lang jeden Tag auf dem Rad darunter entlang gefahren auf dem Weg zur HfK und habe die malerische Atmosphäre genossen. Die Vorstellung, dort nur noch auf 133 Baumstümpfe zu blicken, schneidet mir ins Herz!

In wenigen Worten: Wie funktioniert die Aktion?

Steffi: Die Idee entstand, als ich für die Crowdfunding-Kampagne der Bürgerinitiative Platanen am Deich einen Betrag gespendet habe und mir im Gegenzug ein bedruckter Leinenbeutel mit einer Zeichnung des bekannten Bremer Künstlers Manfred Kiecol angeboten wurde.

Mein erster spontaner Gedanke war: Wenn man in diesem Rahmen noch mehr künstlerische Arbeiten zum „Tausch“ gegen Spenden anbieten würde, könnte man sicher viel mehr Menschen mit der Aktion erreichen! Die Kreativen, die meist nicht so viel Geld locker in der Tasche sitzen haben, können sich mit ihren kreativen Ideen in die Rettungsaktion einbringen – und denen, die Geld, aber keine Einfälle haben, wird ein tolles Repertoire an Gegenleistungen geboten dafür, dass sie etwas geben. Ein geniales Konzept, in dem sich jeder einbringen kann, dem die Bäume am Herzen liegen!

Gibt es schon erste TeilnehmerInnen und wenn ja, womit werden Sie dabei sein?

Steffi: Wir haben bereits in den ersten Tagen der Aktion über 30 Rückmeldungen erhalten und es sind so tolle Ideen dabei! Die Ideen sind noch viel bunter und vielfältiger, als ich es mir vorgestellt hatte! Außer Künstlern und Designern, die malen, werkeln und Produkte herstellen, haben wir z.B. eine Flötistin, die ein „Solokonzert für Platane“ anbietet, eine Yogalehrerin, die eine Yogastunde zum Thema „Baum“ anbieten möchte und eine Chorleiterin, die gleich ein ganzes Benefizkonzert auf die Beine stellen will! Da werden Energien frei gesetzt, die einen wirklich begeistern und mitreißen! Und es ist wundervoll zu sehen, wie viele Menschen sich einbringen und wie dadurch ein WIR-Gefühl entsteht! Ab dem 1. Dezember wollen wir die ersten Aktionen auf der Homepage der Bürgerinitiative Platanen am Deich online stellen. Dann wird die Aktion mindestens 133 Tage dauern und es können sich jederzeit noch Aktivisten einbringen! Die Aktion ist offen für alle! Alle Kreative, alle Bremer, alle Naturliebhaber… vom Vollblutkünstler bis zur Topflappen strickenden Oma holen wir alle ins Boot.

Wenn es tatsächlich mit vereinten Kräften gelingt, die Plantanen zu erhalten – wie würdest Du das feiern?

Steffi: Toll wäre ein Markt der Möglichkeiten oder ein Stadtfest im Schatten der Platanen im nächsten Sommer! Und dann mit Sekt und Brause mit allen Teilnehmern gemeinsam anstoßen!

 

Wenn ihr auch bei der Aktion mitmachen oder noch mehr erfahren wollt, dann hüpft doch mal rüber auf die Seite der Bürgerinitiative: www.bi-platanen-am-deich.de

 

Fotos: Steffi Neumann, BI Platanen am Deich