Zuwanderer. Asylsuchende. Flüchtlinge.

Eins davon sagt man.

Kulturfremde. Kriminelle. Opfer.

Eins davon denkt man.

Köln. Idomeni. Schwimmbad.

Eins davon lokalisiert man.

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Und dann geht man ins Golden City in die Überseestadt und hört aufmerksam, amüsiert und traurig zu, wenn zwölf Männer gemeinsam mit Ramona Ariola und Ramon Locker die „Sehnsuchtslieder von der Gegenküste“ präsentieren. Ein musikalischer Abend, der schafft, was zunächst unmöglich erscheint: persönliche Tragödien und politische Schwierigkeiten mit augenzwinkernder Unterhaltung und mitreißender Musik zu kombinieren. Eben noch lacht man als Gast herzhaft über die entlarvende Zusammenstellung deutsch-spießiger Redewendungen aus ausländischem Munde, dann stockt einem der Atem beim Video-Einspieler, in dem Araf von den Misshandlungen und dem Tod seines Bruder sowie seiner eigenen Flucht berichtet.

„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“ Gedanken im deutschen Alltag.

Beides zusammen der Stoff, aus dem Frauke Wilhelm mit ihrem Golden City-Team und Menschen aus den Übergangsheimen in der Überseestadt ein eindrucksvolles Projekt gestrickt hat. Monatelang wurde am Programm gefeilt – allen sprachlichen Barrieren zum Trotz. Erinnerungen sprechen am Ende dann doch die gemeinsame Sprache des Herzens. Ein Lächeln, ein Stirnrunzeln oder eine Träne braucht keine Übersetzung. Den Rest erledigten die Geduld aller Beteiligten und die Dolmetscher Hoda Mobasher und Bashar Ebrahem.

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Wie die Arbeit an dem Programm jeden einzelnen bewegt und berührt, kann man bereits erleben, bevor der Abend offiziell startet. Die aufgeregten Gesichter der Musiker, die nochmal ihr Outfit zurechtrücken.„Die Töne der Waffen haben mich gezwungen, mein Land zu verlassen.“ Gedanken im syrischen Krisengebiet.  Das rituelle „Toi Toi Toi“ im Kreis, bei dem sich die Crew nicht nur räumlich ein letztes Mal zusammenrückt, bevor es losgeht. Das motivierende Zuzwinkern der Einlasshilfen, als die Musiker sich auf dem Weg ins Innere des Containers machen.

Und dann berühren und bewegen die Gastgeber die Zuschauer – sowohl die offiziellen als auch die Zaungäste, die draußen mitfiebern. Freunde aus dem Übergangslager spähen durch die Fenster und halten das Geschehen mit dem Smartphone fest.

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Der Abend endet mit einem Lied, das alle Gäste schon aus einem Einspieler kennen: Er zeigt, wie fünf Männer um ein Lagerfeuer sitzen und singen. Was wirkt, wie ein launiger Moment einer Zeltfreizeit ist in Wirklichkeit eine Szene beim Warten an der mazedonischen Grenze. In eisiger Kälter. Was wärmt, sind die vertrauten Lieder. Ein Stück Heimat, das aus Musik gemacht ist. Musik, die wir Bremerinnen und Bremer kennenlernen dürfen.

Bassam. Tamam. Ganjbar.

Aus anonymen Oberbegriffen werden Namen.

Musikliebhaber. Beobachter. Witzbold.

Aus allgemeinen Schubladen werden individuelle Charaktere.

Kamishlu. Herat. Shiraz.

Aus Orten der Anklage werden Städte der Erinnerung.

 

Nur noch zweimal im Golden City am Europahafen zu erleben: am Samstag, 20.08. (20 Uhr) und am  Sonntag 21.8. (18 Uhr).

Und wer wissen möchte, welche Bilder im Kopf entstehen, wenn ein Sehnsuchtslied gespielt wird, sollte am Donnerstag nochmal bei uns vorbeischauen. Bine hat nämlich ihren ganz eigenen, illustrierten Rückblick auf den Abend für Euch vorbereitet.