…und einfaches Purzelbäume schlagen wird beim Turnen streng beäugt: Wenn die Knie in der Rolle rückwärts den Boden berühren, gibt es Punktabzug. Woher wir das wissen? Wir waren mal wieder auf unserer sportlichen Mission durch Bremen unterwegs und versuchten uns dieses Mal im Geräteturnen bei Bremen 1860

Mit kleiner Orientierungshilfe haben wir uns durch den großen Hallenkomplex gefunden und stehen nun auf Socken in der Kunstturnhalle, haben große Augen und ein mulmiges Gefühl im Bauch – das kleine Kindheitstrauma aus dem Sportunterricht. Der Trainer, Olaf Grohmann, erklärt uns die Trainingsstruktur. Freies Training, zu dem jeder kommen und gehen kann, wann er will. Die Männer sind an sechs und die Frauen an vier Geräten aktiv. Es werden sowohl Hang- als auch Sprung- und Stützelemente geturnt und diese in jede Raumrichtung und vor-, rück- und seitwärts. Auch wenn hier jeder für sich trainiert, wird das Miteinander groß geschrieben. Zu Beginn der Stunden begrüßen sich alle mit Handschlag – das nimmt die Hemmschwelle und macht es persönlicher. Die Teilnehmer sind zwischen 18 und 75 Jahre alt und unterstützen sich gegenseitig, wenn Olaf nicht überall gleichzeitig Hilfestellung geben kann.

Nach dem kurzen Schnack folgen wir Olaf und drehen unsere Begrüßungsrunde in der Halle. Dann wird aufgewärmt: Laufen auf der Bodenbahn, locker, schnell, Knie nach oben, Füße an den Po, Arme kreisen, Hüpfen, nur aus den Füßen heraus, Beine abwechselnd nach vorne, hinten und zur Seite strecken, auf Händen und Füßen, mit Po nach oben krabbeln und im Unterarmstütz, Hände zur Mitte, über die Matte robben… Die Muskeln müssen gut erwärmt werden, bevor es an die Geräte geht. Wir bekommen unser persönliches kleines Training und einen Einblick ins Dehnen, Kräftigen und die technischen Grundlagen von Rolle, Handstand und Spagat. Denn diese werden für die meisten Übungen und Abläufe am Boden und an den Geräten benötigt.

Und so sieht unser Training aus

Wir beginnen mit einer einfachen Rolle vorwärts: in die Hocke, Kinn zur Brust, Rücken rund und wichtig: am Ende nicht hinten abstützen! Rolle rückwärts, jetzt wird’s schon kniffeliger und meist schief. „Immer dieser linke Knickarm und der Kopf, der zur Seite will…“ Mit Hilfestellung bekommen wir wenigstens ein Gefühl dafür, wie es sich richtig anfühlt. In die Hocke, Kinn zur Brust, als kleines Päckchen nach hinten rollen und die Hände dicht neben den Ohren, abstützen, hoch drücken und auf die Füße. Nach einigen Runden und leichtem Schwindel (wann übt man schon mal im Alltag Rolle?) haben wir genug vom Rumrollen. Jetzt geht’s an die Wand und wir schieben uns rückwärts mit den Füßen voraus die Wand hoch, bis nur noch die Fußspitzen die Wand berühren. Und dann brauchen wir noch Kraft, um wieder mit den Händen zurück zu wandern. Hier sind gedehnte Hand- und Schultergelenke, starke und geöffnete Schultern und ordentlich Bauchspannung wichtig, um sicher im Handstand zu stehen. Für die von der Schreibtischhaltung verkürzten Muskeln im Brustbereich gibt’s eine Dehnübung am Barren. Unsere letzte Übung am Boden: Spagat – von dem wir meilenweit entfernt sind. Es gibt zwei Varianten, einmal den Seitspagat (Herren-/Männerspagat) bei dem beide Beine seitlich vom Körper abgespreizt werden und den Querspagat (Längsspagat/Frauenspagat) beim dem ein Bein nach vorn und das jeweils andere nach hinten zeigt. Auch hier bekommen wir noch Tipps zum Dehnen: stehende Vorbeuge, sitzende Vorbeuge und gegrätschte Vorwärtsbeuge.

Während kleiner Verschnaufpausen wandert unser Blick immer wieder staunend durch die Halle. All diese durchtrainierten TurnerInnen, die mit scheinbarer Leichtigkeit ihre Übungen an den Geräten, in der Luft und am Boden turnen. Ohne Schwung aus dem Spagat in den Handstand – vielleicht im nächsten Leben.

Danach heißt es: Hände voller Magnesium und ab an den Stufenbarren. Und da ist sie wieder die kleine Angst. Unsere mentale Herausforderung und das große Fragezeichen: „Wie bekomme ich den Hintern nur um die Stange geschwungen?“ Hände hüftbreit auseinander und nicht schulterbreit – sonst rollt frau sich auch mal über die Hand – Hände um die Stange, Daumen zeigen nach vorne, nah an die Stange ran, Bizeps anspannen und wie bei der Rolle vorwärts: Kinn zur Brust. Mit einem Bein Schwung holen, hoch und rum – zum Glück gibt es Hilfestellung. Abgang: vorwärts rollen, Beine ganz gerade, Fußrücken an die Stange, Arme lang (Kipphang) und dann langsam die gestreckten Beine nach unten und kurz über dem Boden halten (Winkelhang), so die Theorie. Die entsprechenden Muskelgruppen scheinen bei uns unauffindbar. Nach einigen Runden Auf- und Umschwung machen die Arme langsam schlapp und wir üben Balance auf dem Schwebebalken. Arme zurück, Kraft zwischen den Schulterblättern, Bauch anspannen, kein Hohlkreuz und auf Fußspitzen auf dem Balken vor und zurück. Dasselbe noch in hüpfender Variante, nur aus den Füßen heraus.

Zum Abschluss stehen ein paar Kräftigungsübungen auf dem Programm: für Bauchmuskeln und Hüftbeuger, Liegestütz in mehreren Varianten und Übungen für den Rücken und Schulterbereich. Sieben Minuten bis Trainingsende: einmal noch den Stütz am Barren probieren und halbe Klimmzüge, dann ist die Luft raus. Die 2,5 Stunden vergingen wie im Flug und wir haben jede Menge gelernt. Über Kraft, Technik, fehlende Muskeln, Durchhaltevermögen, zu wenig Bewegung im Alltag und dass die kleine Stimme im Kopf oft ganz schön im Weg ist.

Unser Fazit

Echt anstrengend und ein bisschen frustrierend (mit der Vorstellung im Kopf: als Kind waren wir klein, leicht, flexibel und alles irgendwie einfacher), aber wir hatten eine Menge zu Lachen unser Ehrgeiz ist auf jeden Fall geweckt worden! Wie bei allen Sportarten gilt: von nichts kommt nichts! Tendenziell kann jeder Turnen. Vorkenntnisse als Kind sind hilfreich und eine gute körperliche Veranlagung erleichtern das Erlernen von neuen Elementen. Turnen zählt zu den technisch aufwendigsten Sportarten, daher reicht ein Training pro Woche nicht aus, um große Fortschritte zu erzielen. Aber um seinen Fitnessstand zu konservieren oder über Gymnastik flexibel zu bleiben. Da der Körper, die Koordination und der Geist geschult wird, empfiehlt sich diese Sportart auch für Ältere.

Wenn ihr euch auch mal am Boden, auf dem Schwebebalken oder Barren ausprobieren wollt, könnt ihr gerne beim Training reinschnuppern und euch einen Einblick von der Halle und Gruppe verschaffen. Da das Angebot sehr gefragt ist, gibt es für Neuanfänger zur Zeit eine Warteliste. Mit einem Probetraining und dem Gästeausweis könnt ihr aber für zwei Wochen auch noch einige andere Sportarten des Vereins testen, wie z.B. Rugby, Volleyball, Parkour oder Tricking…

Hier findet ihr alle Infos zum Turnen und zur Mitgliedschaft im Verein.
 
P.S. In Bremen gab es sogar mal eine Kalabums-WM, bei der die TeilnehmerInnen mit Purzelbäumen so schnell wie möglich den Oster-Deich hinunter gerollt sind – als Einzelrollen, Staffelrollen oder Kostümrollen. Uuuuuund am 27. Mai ist Welttag des Purzelbaums!

 

Mehr aus unserer Sporty-Serie:

Sporty Bremen: Auf die Plätze, fertig, los!
Sporty Bremen #1: Zwei sterbende Schwäne an der Stange
Sporty Bremen #2: Immer im Kreis herum