Seit knapp acht Jahren fahre ich zum Teil mehrmals täglich am Garten der Vielfalt in der Gastfeldstraße in der Bremer Neustadt vorbei. Jedesmal schaue ich mir den Vorgarten und die verschiedenen Kräuter, Chiliranken und saisonalen Angebote wie Tomaten, Kartoffeln oder Kürbisse an. Gekauft habe ich nie etwas. Bis jetzt, denn heute schaue ich mir den Laden mal von innen an.

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Also: Stopp bei der Hausnummer 109. Eine Treppe führt in den kleinen, aber feinen Laden. Neben Hündin Luna, der „Chefin“, erwarten mich Regale voll mit verschiedenen Bohnen, Töpfen, tausenden kleinen Tütchen mit Saatgut und Deko für den Garten oder Balkon. Es ist stimmig, authentisch, persönlich.

Da bin ich also. Der Anti-Veganer im Garten der Vielfalt. Zwei Extreme prallen aufeinander. Ich, der lieber via Pizzalieferservice „kocht“, und Britta Lauruschkat, die ihr Leben alten und erhaltenswerten Nutz- und Kulturpflanzen gewidmet hat, in einem Raum. Zwischen Bohnen, Chilischoten und Tomaten – in Formen und Farben, die ich bisher so nicht gesehen habe. Wenn ich mal „was Buntes“ kaufe, dann im Supermarkt. Die Marktzeiten sind nicht meine Zeiten.

Während ich nicht mehr aus dem Staunen herauskomme, erzählt mir Britta von „Black Tiger“, „Balcony Charm“ oder „Purple Russian“. Alles Tomatensorten, die man vergeblich im Supermarkt suchen wird. Selbst auf dem Markt gibt es nur wenige von ihnen, und das selten.

Britta geht es um Vielfalt, um  Geschmack. Und nicht um Masse.

Auch wenn der Hausladen erst seit 2008 geöffnet hat: angefangen hat Brittas Liebe zu den Pflanzen mit sechs Jahren. Damals hat sie auf dem Liebfrauenkirchhof Stauden verkauft, 1985 die Lehre zur Floristin und Gärtnerin begonnen. Zu diesem Zeitpunkt hat sie mit den anderen Erhaltern immer wieder Saatgut getauscht. Waren es 1980 noch zwölf Sorten, besaß Britta zwei Jahre später bereits zehn Mal so viele verschiedene Tomatensorten. Anfang der 90er Jahre ist Britta dem Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzen e.V. und der „Arche Noah“ in Österreich beigetreten.

Der logische nächste Schritt war ein eigener Blumenladen, den sie elf Jahre lang geführt hat. Auf Grund gesundheitlicher Probleme musste Britta das Geschäft jedoch schließen. Sie machte zuhause weiter, vermehrte ihre Samen, pflanzte an und entzog einigen reifen Pflanzen die Samen, um immer weitere Samen zu reproduzieren. Alles ohne Chemie. Da muss man Verluste verkraften.

In diesem Jahr sind 30 Sorten den „stumpfen“ Schnecken zum Opfer gefallen. Stumpf nennt Britta die Schnecken, weil sie mittlerweile auch über Rindmulde schleimen, um an frisches Futter zu kommen. Außer Chemie oder täglich mehrmals Schnecken pflücken gibt es keine Lösung.

Die Kunden kommen zum Teil aus 400 Kilometer Entfernung extra angefahren, um bei Britta einzukaufen. „So einen Laden gibt es in Deutschland kein zweites Mal“, sagt die Inhaberin. Und ich bin immer noch perplex über das, was Britta mir erzählt und zeigt. Galapagos-Tomate. Schon mal gehört oder gesehen? Ist eine Johannisbeertomate und hat ebendiese Größe. Trotz des „unique selling points“ – reich ist Britta mit ihrer Leidenschaft nicht geworden. Das ist auch gar nicht ihr Gedanke, ihr geht es um den Erhalt der Pflanzen. Und das ist der Moment, wo Trauer in ihrer Stimme zu hören ist. Denn eine Nachfolge gibt es bislang nicht.

Britta hatte zwar schon einige Praktikanten, aber mit der Pubertät waren die Interessen andere. Gerne würde sie jemanden haben, der die gleiche Leidenschaft hat und schon etwas Erfahrung mitbringt. Denn innerhalb von zwei bis drei Jahren lernt man nicht, wann der jeweils richtige Zeitpunkt der über 500 verschiedenen Tomatensorten ist, um gepflanzt zu werden. Und dann gibt es ja noch Kartoffeln, Kürbisse und und und….

Garten der Vielfalt // Gastfeldstr. 109
Öffnungszeiten: Mo – Fr: 12:00 bis 18:00 Uhr // Sa: 12:00 bis 16:00 Uhr
Telefon: 0421 / 59 67 477
Der Garten der Vielfalt im Web