Spinneeeeee!

Ingrid schreit.

Ingrid schreit, spitz und laut, und ihr Mann Achim auch.

Spinneeeeee!

Ingrids Augen hinter der dunkelgerahmten Brille sind weit aufgerissen, die Stirn unter ihrem bunten Bandana liegt in Falten. Vor ihrer Brust hängt eine blaue Ukulele, eine Art hawaiianische Mini-Gitarre mit vier Saiten, und ihre Finger schrappeln jetzt darüber, vorbei an Pippi Langstrumpf, über einen Wikingerkopf, und die vielen anderen Sticker, die auf dem Klangkörper kleben.

Ich sitze in der dritten Reihe. Und bin fassungslos.

Es ist Mittwochabend in der Sportklause in Walle, einer urigen Kneipe am Dedesdorfer Platz. Das Licht wechselt, blau, grün, rot, lila, und alle Farben dazwischen. An den Wänden: Malerei und Fotos, bunt zusammengewürfelt. Heidi steht hinter dem Tresen und zapft Bier. „Was wollnse, junger Mann?“ Ich blicke mich um, die meisten sind 30 Jahre älter als ich, also bin ich wohl gemeint.  Über ihrem Kopf ein Leuchtschild, wie man es von Imbissen kennt, es zeigt ein Schnitzel mit Pommes, aber in der Ecke steht „Heidi`s Frikadelle mit Brot + Softdrink“. Das klingt auch gut, nehme ich. „Kommt!“ Der Teller kommt, mit aufgedrucktem Fußballfeld, auf dem eine Frikadelle liegt und eine Scheibe Toast mit einem Klecks Senf. Die Bulette: ein Genuss, knusprig, saftig, da hat Heidi nicht zu viel versprochen. Kein Wunder, dass diese Frau eine E-Mail-Adresse hat, die „heidiziehtdurch@“ heißt.

Wo bin ich hier gelandet?

Es ist Offene Bühne des 1. Bremer Ukulelenorchesters, einem Ensemble mit wechselnden Mitgliedern, das sich vor knapp drei Jahren gegründet hat. Der Anstoß dafür war eine Anti-Nazi-Demo, erzählt mir Michael. Keine Ahnung, wie er mit Nachnamen heißt, man ist hier sofort per Du, und auch, wenn alle anderen sich zu kennen scheinen: Ich fühle mich als Neuling ziemlich willkommen. Geiler Laden, denke ich, geile Leute! „Liegt daran, dass im Orchester ausschließlich nette Menschen spielen“, sagt Michael. Klingt einleuchtend.

Michael ist Projektmanager, und begeisterter Ukulele-Spieler. Die kleine Klampfe hat er oft dabei, und meist spielt er mit seiner Tochter: Lara, 17 Jahre alt, Abiturientin, genauso nett wie ihr Vater. Einmal die Woche treffen sie sich mit dem Orchester, und dann wird zusammen gespielt, meist frei Schnauze. „Einer sagt ’nen Song, und dann stimmen die ander’n mit ein.“ Jeden dritten Donnerstag im Monat können da auch andere dazukommen, dann ist Uke-Session ab 19 Uhr, für Anfänger und Fortgeschrittene.

Ich bin Anfänger. Ich habe eine Gitarre zu Hause stehen, und dazu drei Ukulelen. Regelmäßig nehme ich sie in die Hand, drehe und wende sie; befreie sie vom Staub und stelle sie wieder zurück in den Schrank. Meine Karriere als Musiker ist in etwa so steil wie meine Karriere als Schauspieler. Soll heißen: es gibt keine. Aber während mich das bei der Schauspielerei nicht stört, will ich eines schon mein ganzes Leben lang: Gitarre spielen können. Und weil ich mit den sechsaitigen Instrumenten nicht klar gekommen bin, habe ich mir eben die viersaitigen Varianten zugelegt. Zuerst eine günstige, zum Ausprobieren. Hat sich schlimm angehört. Weil ich dachte, das läge an der schlechten Qualität, habe ich mir das nächstteurere Modell zugelegt. Übel, ganz übel. Also lieber etwas Hochpreisiges. Die Ukulelen veränderten sich, mein Können nicht. Dass sich Ukulelen so gut anhören können, wie hier in der Sportklause, hatte ich mittlerweile ganz vergessen.

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Ein paar Leute stehen noch draußen zum rauchen und klönen, aber immer mehr Menschen strömen in die kleine Gaststätte, durch den Vorraum mit Tresen und Kicker in den hinteren Bereich. Von hier kann man durch die Fenster auf den Dedesdorfer Platz gucken, der irgendwann mal bebaut werden soll und bis dahin von einer Bürgerinitiative zwischengenutzt wird. Nichts los dort, aber dafür umso mehr in der Kneipe. Die wenigen Stuhlreihen sind bis auf den letzten Platz besetzt, der Rest steht. Kann losgehen.

Und wie es losgeht! Jörg und Alex kommen angelaufen, der eine im weißen Anzug, der andere mit Fliege, und sie schmettern wie zwei richtige Hafensänger. „Ohrenschmalz, Kragenspeck, Mundgeruch und Nageldreck“, singen sie, und während ich mich noch wundere, stimmen die ersten mit ein. „Niiimm! Mich! Jetzt auch wenn ich stinke“, grölen sie den Song von Die Doofen, „denn sonst sag ich Winke Winke und Good Bye“  – mittlerweile klatschen alle im Takt – „denn dort drüben an der Lampeeee ist auch schon die nächste Schlampeeee für mich freeeei.“

Die beiden sind gut.

Die Moderatorin des Abends auch, wie sie da jetzt steht auf dieser winzigen Bühne in dem wechselnden Licht, den Arm hebt und trocken sagt: „Ich steh nicht an der Lampe – aber ich habe gutes Deo und bin noch frei.“  Die Meute johlt, die Meute kriegt sich kaum noch ein, und spätestens jetzt bin ich nicht mehr in einer Nebenstraßenkneipe irgendwo in Walle, sondern mitten in einer riesigen Fete, ein bisschen wie ein Zeltlager, nur ohne Feuer, aber dafür mit umso mehr Gitarren.

Offene Bühne, haben sie gesagt. Kann alles sein, haben sie gesagt.

Und es stimmt.

Aber zunächst einmal gibt es ein Ständchen:

Jetzt steht ein kleiner Chor auf der Bühne und singt, A-Cappella, das habe ich zuletzt in einer Folge von Scrubs gesehen – ihr wisst schon, diese Fahrstuhl-Typen – und jetzt erlebe ich das. Live. Und während ich noch überlege, wie gut ich das finde (ziemlich gut!), stehen nach und nach Leute auf, vor mir, neben mir, und  – huch! – direkt hinter mir auch. Wie in den Videos mit den Millionen Klickzahlen auf Youtube. Nicht die mit den Katzen, die anderen. Die mit den Menschen, die irgendwo anfangen zu singen und plötzlich zu einem ganzen Chor werden und lange Zeit für Marketingbüros das große Ding waren.

Und dann spielen sie auch noch den Cup-Song!

 

Moderatorin: „Ihr wartet sicher auf die Pause. Aber wisst ihr was? Wir machen keine. Weil keiner nach der Pause spielen wollte.“

Also kommen Ingrid und Achim auf die Bühne. Er mit einem offenen bunten Hawai-Hemd wie zu Dirk Bachs Zeiten, sie mit einem Plüschtier-Schwein unter dem Arm. Eben, im Beitrag vorher, ging es um Prinzessinnen, und Ingrid sagt resolut: „Ich bin mehr oder weniger eine alte Alpenprinzessin. Mehr der bäuerliche Typ.“ Sie lacht, und die Menge auch, man muss die beiden auf Anhieb mögen. Dann der Song, und noch einer. Den zweiten haben die beiden erst vor Kurzem gesungen. In Groningen, auf einem Ukulele-Festival, der Austausch zwischen der Bremer und der holländischen Szene ist groß, erzählen sie.

Das nächste Lied haben sie dort ganz spontan geschrieben.

Spinneeeeee!

Ingrid schreit.

Ingrid schreit, spitz und laut, und ihr Mann Achim auch.

Spinneeeeee!

Und dann löst sich das Ganze auf, eine Geschichte über Bier und Achtbeiner, das hat schon fast was von Kabarett, nur dass es hier so wunderbar leichtfüßig und verschroben ist, in der alten Kneipe mit den ganzen erwachsenen Menschen und ihren kleinen Klampfen, von denen nicht wenige mitspielen, und wo man eigentlich die ganze Zeit das Gefühl hat, dass Unmengen von Bier fließen müssen, um diese Stimmung zu halten. Und am Ende sind alle nüchtern, und trotzdem gut drauf.

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Ich habe meine Ukulele im Gepäck, eigne mich aber nicht für die Bühne. Weil ich nicht spielen kann, wie gesagt, und weil mir ganz sicher auch der Mut fehlen würde. Aber dann ist der offizielle Part vorbei, die ersten Gäste gehen nach Hause, die meisten umarmen sich zum Abschied. Und in der Mitte des Raumes bildet sich wie selbstverständlich ein Kreis um ein paar Notenblätter. Ukulelen werden gestimmt, Stimmen noch einmal mit Bier geölt. Und schon geht es los. Die Beatles, Stones, irgendein altes Arbeiterlied – die Leute spielen, stimmen sich aufeinander ein, Ingrid und Achim und Michael und Lara und wie sie alle heißen, auch die Moderatorin, von der ich noch immer nicht den Namen weiß.

Ich nehme meine Ukulele aus der Schutzhülle, versuche, den Staub unauffällig abzuwischen, und stelle mich dazu. Orchesterleiter Horst Neubert sieht mich, begrüßt mich, nimmt mir die Uke aus der Hand und stimmt sie. „Schönes Ding“, sagt er. Ich verschweige ihm, dass die optische Komponente bislang die einzige war, die den Kauf des Instruments rechtfertigte, sage ihm dann aber doch, dass ich nicht spielen kann. „Kein Problem, dann zeigen wir Dir n paar Griffe.“ Er sagt es – und ich glaube in dem Moment schon, dass ich morgen Ukulele spielen kann. Das liegt entweder an seiner vertrauenswürdigen Art. Oder an dem Bier, das ich mir bereits in den Kopp geschüttet habe. Wahrscheinlich liegt es an beidem, und das ist in jedem Fall sehr gut.

Und dann, nach vier Stunden, ist dieser aberwitzige, unreale, wunderbare Abend vorbei. Ich glaube, ich werde mir eine neue Ukulele kaufen, und richtig loslegen. Denn zu diesem Orchester will ich auf jeden Fall eines Tages gehören. Auch wenn ich bereits genügend Instrumente besitze, um selbst eines zu gründen.

Die Uke-Session zum Mitmachen findet jeden dritten Dienstag im Monat und das nächste Mal am Dienstag, 17. November, in der Sportklause, Vegesacker Straße 84a, statt. Das 1. Bremer Ukulelenorchester ist am 20. November mit einem Konzert in der St. Jakobi-Kirche in der Neustadt zu sehen. Offene Bühne ist wieder am 25. November.

Alle Infos sowie Noten und Videos gibt es hier: http://www.bremer-ukulelenorchester.com/