Sachte schwenke ich das Weinglas. Heute mal weiß, nicht rot, aus grüner Flasche. Ich lasse den kühlen Weißwein unruhig durch mein Glas schwappen, säuerliches Fruchtaroma steigt in meine Nase. Die Kerze auf meinem Küchentisch flackert mir schelmisch zu. Auch sie scheint zu wissen, dass ich eigentlich keine Ahnung von gekeltertem Most habe. Der erste Schluck. Folgt jetzt der kritische Kennerblick, der das spritzig-pfeffrige Bouquet des Grünen Veltiners plötzlich als erfrischend-wurzelig oder gar betörend-holzig enttarnt? Lecker ist der Wein, keine Frage. Die Kerze flackert mich unruhig an, ein zweiter Schluck, leichtes Apfelaroma.

Ich nehme die grüne Weinflasche in die Hand, drei Männer auf dem Etikett lachen mich fröhlich an, im Hintergrund ein großer Berg. Aber wieso drei Männer? Durch meinen Kopf schießen dramatische Bilder aus einem abgelegenen Tal, in dem zwei grob grinsende Männer einem armen Kerl ekligen Wein einflößen, gewaltsam und herzlos. Ich nehme einen weiteren Schluck. Nein, der Wein ist eindeutig zu lecker für solche Szenen. Noch sitze ich fest auf meinem knarzenden Küchenstuhl, die Kerze leuchtet friedvoll neben der grünen Flasche, und auch die beiden grinsenden Brutalos stehen noch nicht neben mir. Ich blicke auf das cartoon-ähnliche Etikett des grünen Veltiners, lasse meine Fantasie spinnen. Ein Drei-Haberer, verrät mir die minimalistische Schrift. Ein Wein-Etikett, das die Fantasie anregt – nicht unbedingt typisch im traditionell dominierten Weinlandgeschäft.

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Wie kommt man auf dieses neue Etikettendesign? Dazu habe ich mich auf den Weg zu dem Weinlager „Ludwig-von-Kapff“ gemacht – dem Weinhandel in der Überseestadt, der den Drei-Haberer vertreibt und verkauft. Diana Meier-Soriat, zuständig für das Social Media des Weinlagers, klärt mich auf: Haberer ist in Österreich schlichtweg eine Bezeichnung für Männer. Das abgelegene Tal erscheint wieder vor meinem Auge. Diana erklärt weiter, dass man als Dreimännerwein tatsächlich einen Wein bezeichnet, den einer trinkt, während ihn zwei andere festhalten müssen, weil er so sauer und eklig ist. Also doch! Dreimännerwein würde man klassischerweise also niemandem anbieten, mit dem man nochmal Wein trinken möchte. Und dennoch haben sich Diana und die Winzer des österreichischen Weinguts auf den Namen Drei-Haberer geeinigt. „Es hat nichts mit dem Geschmack des Weines zu tun“, erklärt mir Diana. Sondern mit den drei Winzern, den drei Haberern, die diesen Wein in einem österreichischen Tal keltern. Das ganze visualisiert in einem Etikett, das aussieht wie fix gezeichnet, aber dennoch die Herkunft des Weines darstellt. Ohne verschnörkelte Goldschrift, ohne pompösen Text voller wurzelig-betörender Vokabeln im Abgang. Eine prima Idee, wie ich finde.

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Diana hat mit dem Stil der Drei-Haberer einen neuen Weg im Etikettendesign von Weinen eingeschlagen: Sie hat den Aufdruck als Sketchnote entworfen. Sketchnotes sind eine Verbindung aus Notizen, Grafiken und diesem Hauch Einfachheit, den man auch mal eben mit einem Kugelschreiber auf den Collage-Block kritzeln kann. Nur dass das eben nicht einfach ist, sondern manchmal ganz schön knifflig. Einen Haufen Informationen auf ein paar Linien und Wörter zu reduzieren – und damit trotzdem seine Botschaft rüberzubringen. Oder wie Diana es auf den Punkt bringt: „Sketchnotes sind wie Landkarten: Ein Bild, ein kurzer Text und du weißt, was gemeint ist.“

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Die Idee ist eigentlich nicht neu. Schon Höhlenmenschen haben nach ihrem Tanz um das Feuer Malereien an Wände gezeichnet, schlicht und verständlich. Selbst Leonardo Da Vinci hatte in Ansätzen das Prinzip verfolgt. Die Idee, Komplexes einfacher zu machen, ist schließlich ein urmenschlicher Wunsch. Warum also nicht auf Weinetiketten übertragen? „Wir wollten Neues aus der Tradition des Bremer Unternehmens schaffen.“, erklärt mir Lars Kaniok von Ludwig-von-Kapff. Der Wein grenze sich so von traditionell gestalteten Weinetiketten ab und spreche jüngere Zielgruppen an. Und vermittelt, wie ich finde, auch dem Ahnungslosen (mir), dass Weintrinken keine Kunst sein muss. Sondern eine verdammt leckere Angelegenheit.

Das über 300 Jahre alte Weinhaus Ludwig-von-Kapff ist ein echtes Bremer Urgestein. Trotzdem lockert sich der Stein und nimmt neue Formen an: Die Verbindung von pfiffigen Sketchnotes mit gealterten Weinen bringt frischen Wind in den Weinhandel. Bremen zeigt hier wieder einmal, dass die Stadt frische Ideen in verstaubte Geschäftsbereiche werfen kann – mit Erfolg, wie ich finde.

Das Etikett der „Drei-Haberer“ ist jedoch nicht das einzige, was Diana an Sketchnotes entwirft: Für Veranstaltungen wie Nordblogger meets Ludwig-von-Kapff sowie für den Instagram-Kanal des Weinvertriebs zeichnet sie immer wieder Sketchnotes über besondere Weine, damit klar wird, ob dieser Wein nun wurzelig schmeckt oder nicht. Mittlerweile bietet Diana sogar Workshops zu dem Thema an. Mit Stift, Papier und einer Menge Know-How vermittelt sie hier jedem Begeistertem die Grundlagen von Sketchnotes. (Die Termine in den nächsten Wochen sind zwar schon ausgebucht, aber weitere Kurse folgen.) Eins steht fest: Wer an dem Thema Sketchnotes interessiert ist, sollte einen Workshop von Diana nicht verpassen.

Die Kerze flackert wieder unruhig in meiner Küche. Mein Blick wandert auf die drei grinsenden Haberer vor dem Berg, Bilder erscheinen vor meinem Auge. Diesmal ganz ohne die beiden Brutalos. Braune Erde knirscht unter meinen Füßen, warmer Weserwind weht mir entgegen. Meine Weinreben gedeihen gut auf dem Osterdeich, stelle ich zufrieden fest. Philipp, der erste Weinbauer Bremens! Die Szene endet. Ich blicke auf die Weinflasche vor mir. Sie ist leer. Diesmal reichte wohl ein einzelner Mann, um den Dreimännerwein zu bewältigen.

Fotos: Philipp Nöhr

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