Gastbeitrag vom Bremer Taxiblogger

Für Jung und Alt ist das Bremer „Viertel“ ein Anziehungs- und Ausgehpunkt. Für die Einen steht es für das Theater, die Kunsthalle, schicke Restaurants, für die Anderen für Party, Konzerte im Lagerhaus, Pubs, Döner. Das Zentrum des Viertels ist die Sielwall-Kreuzung. Tagsüber und vor allem nachts ist dort immer etwas los. Es herrscht hektisches Gewusel: Radfahrer treffen auf Fußgänger sowie Autofahrer auf Straßenbahnen, die im Minutentakt dort entlang fahren. Vor allem nachts trifft sich dort das Partyvolk in den umliegenden Bars und Kneipen.

Nun könnte man sagen: Das ist ein hektischer Platz, der mit Ruhe rein gar nichts zu tun hat. Als Taxifahrer, der nur nachts unterwegs ist, sehe ich die Kreuzung mit anderen Augen. Direkt an der Kreuzung befindet sich ein Taxistand – tagsüber stehen dort meistens nur ein bis zwei Taxen rum, nachts sind es 10-15. Ich bin dort ebenfalls häufig anzutreffen und jedes Mal beobachte ich das Treiben um mich herum. In diesem Moment ist es eine ganz andere Welt, die ich vom Fahrersitz meines Taxis aus durch die Fenster sehe. Ich fühle mich wie ein König in seiner Kutsche, der Regen, die Lichter und die konstante Bewegung sind eine einzige Privatvorstellung nur für mich.

Der Taxistand an der Kreuzung ist für mich eine Hass-Liebe: Es geht nicht mit ihm, aber es geht auch nicht ohne ihn. Einerseits hasse ich ihn, weil er gar nicht für so viele Taxen ausgelegt ist, wie nachts dort stehen möchten. Zudem wird er meistens von Anwohnern zugeparkt. Dann beginnt die Suche nach einem Stellplatz und ich muss dabei ständig Straßenbahnen, Radfahrer und Betrunkene im Blick haben. Darüber hinaus treiben sich dort gelegentlich finstere Gestalten herum und vor meinen Augen passieren gelegentlich Straftaten, wie zum Beispiel Antanz-Diebstähle, der Handel mit Drogen oder Schlägereien. Andererseits liebe ich diesen Platz: Weil es dort so viel zu sehen gibt, ich dort nach nicht allzu langer Stehzeit eine Tour kriege und die meisten Fahrten überdurchschnittlich weit gehen. Jedes Mal, wenn ich durchs Viertel fahre, überlege ich, ob ich mich am Sielwall anstellen soll oder nicht. Meine Kollegen haben zu diesem Taxiplatz auch geteilte Meinungen: Die Einen stehen ständig dort – die Anderen meiden ihn wie die Pest. Und Ich? Tja, ich kann mich nach über einem Jahr im Beruf nach wie vor nicht entscheiden, was ich über die Sielwall-Kreuzung denken soll.

Aber am Ende der Schicht passiert ein Ereignis, das mich oft dorthin zurückkehren lässt: Die totale Ruhe und Entspannung an der Kreuzung. Denn es gibt nur nachts ein bestimmtes Zeitfenster, meistens kurz vor vier Uhr. Dieses Zeitfenster öffnet sich alle paar Tage, nur für 20-30 Minuten, und ist mein persönliches Highlight: Dann wirkt die Sielwall-Kreuzung wie ausgestorben. Es ist niemand zu sehen oder zu hören. Selbst die Hardcore-Partygänger machen sich irgendwann auf den Heimweg und für die ersten Pendler oder Straßenreiniger ist es dann noch zu früh. In diesem Zeitfenster ist es sehr, sehr ruhig. Die meisten Kollegen machen jetzt Feierabend oder stellen sich woanders hin. Ich bleibe gerne ein paar Minuten länger, genieße die Ruhe an diesem sonst so hektischen Ort. Und sauge dann den Zauber des Nachtlebens förmlich auf…

Neulich war es besonders schön: Es war eine verhältnismäßig kalte Sommernacht und ich stand als Dritter in der Taxischlange. Ich stieg aus, atmete die kühle Luft ein und bemerkte, dass der Herbst sich ganz langsam ankündigt. Mit meinem Handy habe ich diesen Schnappschuss gemacht:

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Übrigens – Eine typische Momentaufnahme der Sielwall-Kreuzung findet Ihr auch auf meinem Blog beschrieben.

Nun würde mich in den Kommentaren Eure Meinung über die Sielwall-Kreuzung interessieren!