Manchmal hat man Glück im Leben. Wenn man in Bremen geboren wird, zum Beispiel. Und wenn man dann auch noch seine Brötchen damit verdient, über diese schöne Stadt zu schreiben. Nun durfte ich es auf die Spitze treiben: Gemeinsam mit der Autorin Eva-Maria Bast habe ich ein Buch geschrieben, das 50 Bremer Geheimnisse aufdeckt. Und das 51. – das gibt es hier exklusiv auf LOVEBREMEN. Es erzählt die Geschichte, wie der Minirock nach Bremen kam.

Die vergangenen zwölf Monate habe ich damit verbracht, Geschichten zu sammeln. Habe mit Alt-Bürgermeister Henning Scherf in der alten Bibliothek des Rathauses über historische Geheimnisse sinniert, mit Carsten Sieling vor Friedrich Eberts alter Kneipe angestoßen, mit dem Landesdenkmalpfleger Georg Skalecki den Theaterberg bestiegen und den Keller der Liebfrauenkirche besucht. Eine Spurensuche in der eigenen Stadt, die ich so liebe. Und von der ich eigentlich dachte, dass ich sie kennen würde.

Pustekuchen! Nichts wusste ich. Weder von dem Hitlergruß, der am Eingang zur Böttcherstraße versteckt ist, noch von dem Papst am Rathaus, dem ein Schwert im Po steckt. Ich wusste nichts von dem Geheimnis, das der Roland in sich trägt, und schon gar nichts von dem Bunker im Bürgerpark, vor dem die letzte Bremer Schlacht des Zweiten Weltkriegs ausgetragen wurde. Dabei gibt es noch Hinweise im Stadtbild, Relikte, manchmal nur winzig klein, manchmal kaum zu übersehen, die auf diese historischen Begebenheiten hinweisen. All diese Geschichten haben uns Stadtführer, Hobby-Historiker, Pastoren, Autoren und mehr erzählt: Sie sind unsere Geheimnispaten. Und sie wissen verdammt viel.

Eine von ihnen ist Evelyn Frisinger. Eine beeindruckende Frau, quirlig, lebendig, wahnsinnig nett. Anderthalb Stunden bin ich mit ihr durch die Stadt gelaufen – und alle paar Minuten wurde sie gegrüßt. Vor allem die älteren Bremer kennen sie.

Warum? Weil sie die Bremer Modeszene in ihrem jugendlichen Leichtsinn revolutioniert hat. Wie? Das erzählt dieses Geheimnis.

Geheimnis #51

Mit Kussmund: Wie der Minirock nach Bremen kam

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Man kann sich das kaum vorstellen: Ein riesiger roter Kussmund prangte einmal an der Stelle, an der Evelyn Frisinger jetzt steht. Die Frau, die alle nur als Evelyn kennen, und die auch gleich per Du ist. Hier, in der Museumsstraße, zwischen Altenwall und Liebfrauenkirche, hat sie mit zarten 19 Jahren eine Boutique eröffnet. Oder sagen wir lieber: mit ihren wilden 19 Jahren. Denn Evelyn Frisinger hat den Minirock an die Weser gebracht. Und mit ihm einen ganz neuen Lifestyle.

Bremen im Jahr 1966: Frisinger steht am Flughafen. Der Zielort auf ihrem Flugticket ist London, die Stadt, von der jetzt alle sprechen. Ein Au-Pair-Jahr will sie dort machen, die englische Kultur kennen lernen. Einmal raus aus Deutschland, das zu dem Zeitpunkt so bieder ist wie der lange Faltenrock, den sie anhat. Wenn sie das nächste Mal wieder in Bremen aus dem Flugzeug steigen wird, wird sie knallrote Stiefel und einen leuchtend gelben Mantel tragen.

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In London erhält sie einen Presseausweis. „Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht mehr, wieso“, sagt Evelyn lachend. „Aber der hat mir natürlich alle Türen geöffnet.“ Wo auch immer ein Konzert stattfindet, die 17-Jährige ist da. Sieht The Who, sieht Jimi Hendrix. Schreibt an ihren befreundeten DJ Gerhard „Gerd“ Augustin , der in der angesagten Beat-Disco Twen-Club auflegte: „Hier spielt ein Typ, der heißt Jimi Hendrix. Den musst du dir anhören!“

Als sie wieder zurück in Bremen ist, hat sie sich verändert. „Ich war plötzlich ein bunter Vogel, der hier überhaupt nicht reinpasste“, erinnert sich Frisinger. Sie will einen Piratensender aufmachen, verwirft den Gedanken dann aber wieder, und mietet sich 1968 einen kleinen Laden mit einer winzigen Wohnung darüber. „Für weniger als 600 Mark. Das muss man sich mal vorstellen: Da gab es nicht einmal ein Badezimmer! Meine Badewanne stellte ich einfach in die Küche, weil da der einzige Wasseranschluss war.“ Sie schüttelt den Kopf. „Das war eine verrückte Zeit.“

Und was für eine! Evelyn lernt die dänische Künstlerin Kriss Wessels kennen, und die empfiehlt ihr, den Laden auffällig zu gestalten. „Die finden dich sonst nicht.“ Also lässt sich Frisinger einen riesigen Kussmund anfertigen, der die gesamte Front ihrer Boutique abdeckt. „Das wurde mein Markenzeichen“, sagt Evelyn. Und das sogar noch, bevor die Stones den Mund mit der Zunge für sich entdeckten.

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Apropos entdecken: Michael „Mike“ Leckebusch (1937-2000), Regisseur des legendären „Beat Club“ – der ersten deutschen Musiksendung mit englischsprachigen Interpreten – findet sie auch ziemlich schnell, und vor allem: findet sie ziemlich gut. Evelyn Frisinger ist da schon Stadtgespräch, weil immer mehr Mädchen einen Minirock tragen. Erst noch Modelle, die die 19-Jährige aus London mitbrachte, und dann welche, die sie aufgrund der steigenden Nachfrage nach englischem Vorbild selbst schneiderte. Und Leckebusch wollte nun, dass sie die Kostüme für die Stars designte, die im Beat-Club auftraten.

„Da war übrigens kein Whisky in der Flasche, sondern Potcheen, also selbstgebrannter Kartoffel-Schnaps.“

Mit zu Spitzenzeiten 14 Schneiderinnen kleidet sie von da an große Namen der Musikgeschichte ein. Santana etwa. „Der musste kurzfristig noch zu mir in den Laden kommen. Weil sein Streifenhemd zu flimmerig für die Fernsehaufnahmen war!“, erinnert sich Evelyn. Der weltberühmte irische Gitarrist Rory Gallagher kam ebenfalls häufiger vorbei. „Der saß dann bei mir oben mit seiner Jonny-Walker-Flasche, und wir haben uns köstlich amüsiert! Da war übrigens kein Whisky in der Flasche, sondern Potcheen, also selbstgebrannter Kartoffel-Schnaps.“

Na ja, und wer ein bisschen was von dieser bunten Welt abbekommen will, der kommt halt in die Evelyn Boutique in die Museumsstraße. Von den Wänden in der Umkleide lachen gemalte Männer, und an den Klamotten baumeln Etiketten mit dem Kussmund. „Das war eine Zeit, in der einfach alles möglich war“, sagt Evelyn heute. Deswegen ist es auch kein Wunder, dass sie bald schon Kontakt zu den Designern bekommt, die kurz darauf echte Größen in der Mode-Industrie werden: Donna Karren zum Beispiel, oder auch Dolce & Gabbana, Ralph Lauren und Calvin Klein.

Und die Designer bleiben Evelyn Frisinger treu, auch als sie umzieht, erst ein paar Häuser weiter in die Katharinenstraße (neben dem NFF-Club, dort, wo heute eine Spielothek drin ist), dann an die Balgebrückstraße, zum Schluss in die ganz noble Umgebung des Kontorhaus am Markt. Bis sie schließlich 2013 ihr Geschäft aufgibt, nach 47 Jahren.

Der Ort, an dem alles begann – er ist heute fast so langweilig wie der Faltenrock, den Evelyn mit 17 trug: Ein funktionaler Backsteinbau, neu errichtet, nachdem man die alten Bremer Häuser in der Museumsstraße abgerissen hatte, und längst Sitz einer großen Bank. Ein Ort, so verstaubt wie einst der Zeitgeist, den Evelyn in Minirock, roten Stiefeln und gelbem Mantel mit der Mode und dem Lifestyle bekämpfte. Aber war damals die Gesellschaft verstockt und der Ort freiheitlich und bunt, so ist es heute zum Glück anders herum.

 

 

Cover Bremen Web

 

„Mit Kussmund: Wie der Minirock nach Bremen kam“ ist exklusiv auf LOVEBREMEN zu lesen.

50 weitere Geschichten finden sich im Buch „Bremer Geheimnisse“ von Eva-Maria Bast und Tobi, das es für 14,90 Euro im Bremer Buchhandel, im Shop des Weser-Kurier, bei Amazon und beim Verlag Bast-Medien gibt.

Mehr zu der preisgekrönten Heimat-Buchreihe vom Südkurier erfahrt ihr hier in einem Artikel des Weser-Kurier.