Die Geschichte meines Hochbeets ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Beziehungsweise: voller Nacktschnecken. Nach meinem Umzug in ein Haus mit Garten vor einigen Jahren wollte ich unter die Selbstversorger in Sachen Salat, Radieschen und Rucola gehen. In der ersten Anbausaison gab es auch tatsächlich eine satte Ernte und ich war stolz wie Bolle. Der Erfolg war leider nur von kurzer Dauer: In den folgenden drei Jahren wurde das Ganze ein Schlaraffenland für unersättliche Kriechtiere. Ich habe inzwischen aufgegeben. Und schaue nun immer sehr sehr wehmütig auf all diejenigen, die Samen säen und nicht den Hohn der Schnecken, sondern tatsächlich Gemüse und Kräuter ernten.

Michael Scheer ist so einer. Allerdings ist es bei ihm nicht nur der heimische Balkon oder ein Stück Garten, auf dem er anbaut, sondern gleich ein Areal von 2000 Quadratmetern inklusive Bunker. Michael ist Gründer und Geschäftsführer der Gemüsewerft in Gröpelingen.

Wo früher Freier ihren Samen ließen

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Werft? Als ich den Namen im vergangenen Jahr zum ersten Mal hörte, spitze ich Hafen-Liebhaberin natürlich gleich doppelt die Ohren. Doch nach Gröpelingen verschlägt es mich – wie viele andere Bremer – selten und so dauerte es mehr als zwölf Monate, bis ich mich aufs Rad schwinge, um die Gemüsewerft endlich mal anzuschauen und mit Michael über seine Motivation für das Projekt und seine Gedanken zum Urban Gardening zu sprechen.

Der Weg führt mich zunächst durch Walle, dann durch Gröpelingen bis zum BSAG-Depot, der Endstation der Linien 2 und 3. Gleich dahinter, zwischen einer kleinen Wohnstraße und der Stapelfeldstraße, erreiche ich mein Ziel. Schnell ist klar, dass diese Werft an keiner Wasserkante liegt. Maritime Wurzeln gibt es auf dem Gelände aber trotzdem: Früher befand sich hier die Villa des ehemaligen Verwaltungsdirektors der „AG Weser“-Werft. Irgendwann ging es an den Adelenstift Heidberg über, lag brach, wuchs wild zu und wurde zum Anlaufpunkt für Prostitution und Drogenhandel. „Als ich in der Vorbereitungszeit dann und wann spät abends auf das Gelände kam, um etwas auszumessen, parkten dort immer mal wieder wackelnde Autos“, erinnert sich Michael. „Und auch ein 100.000 Euro teurer weißer Mercedes mit schweren Jungs und einer dicken Waffe im Seitenfach der Tür kreuzte hier vor Kurzem meinen Weg.“ Dementsprechend froh sei ein Teil der Nachbarschaft gewesen, berichtet er weiter, dass das Gelände plötzlich aufgeräumt und von ihm in Betrieb genommen wurde – auch wenn die Dealer und Prostituierten dadurch natürlich nicht verschwunden, sondern nur einige Meter weiter gezogen sind. Doch es gab auch kritische Stimmen: „Einige warfen uns vor, dass wir Jugendlichen ihren Platz wegnehmen und ohne Partizipationsverfahren einfach bestimmen, was auf der Fläche passiert.“

Einiges ist inzwischen passiert, wie der Vorher-Nachher-Vergleich zeigt. Oberhalb der Gemüsewerft, auf dem Bunker, thront heute ein großes Holzgestellt, an dem Hopfenplanzen dem Himmel entgegen kraxeln. Unter den Apfel-, Birnen- und Pflaumenbäumen ruhen eine Vielzahl an Gemüsekisten, aus vielen schauen bereits Keimlinge und zarte Pflänzchen hervor. Und auf einer Bierzeltgarnitur am Eingang werden Ideen besprochen und Kooperationen ausgehandelt.

„Meine größte Motivation: Ich wollte das lernen!“

Doch woher kam überhaupt die Idee, für die G.I.B. ein freies Gelände zu suchen und dort Tomaten, Petersilie und Hopfen anzubauen? Welche Motivation trieb Michael um, zusätzlich zu seinem ohnehin ausgefüllten Arbeitstag eineinhalb Jahre Vorarbeit in das Projekt zu stecken und auch heute noch fast täglich vor Ort nach dem Rechten zu schauen? Ich frage ihn, er antwortet: „Eine klassische Initialzündung gab es nicht, es kamen verschiedene Situationen zusammen. Zum Beispiel, dass ich 2012 auf einem großen Stadtgartenkongress war, wo ich mehr über die Urban Gardening Projekte in Berlin und Stuttgart erfuhr. Außerdem bin ich Tag für Tag mit dem Thema Lebensmittelverarbeitung beim Kochen in Berührung, weil ich als Geschäftsführer des G.I.B. auch das Café Brands in Gröpelingen verantworte. Und in dieser Funktion suche ich immer wieder nach Möglichkeiten, Menschen mit Handicap Arbeitsstellen zu bieten. Aber um ehrlich zu sein, ist meine größte Motivation eine ganz persönliche: Ich finde es jämmerlich, wenn man nicht in der Lage ist, Nahrung selbst herzustellen. Ich wollte das lernen!“

Und das tat der Verhaltensbiologe, der zuletzt mit zehn Jahren im Garten seiner Großeltern mit dem Anbau von Bohnen und Kartoffeln in Berührung kan. Er recherchierte. Er probierte. Er triumphierte. Die Suchmaschinen im Internet waren dabei ein wichtiges Instrument. „Müsste ich dem, was ich auf der Gemüsewerft auf die Beine stelle, eine Positionsbezeichnung geben, würde sie ´Google-Bauer´ lauten“, schmunzelt der XX-Jährige.

Zusammenarbeit mit Brauerei und Gastronomie

Was mir erst im Gespräch mit Michael Scheer deutlich wird: Die Gemüsewerft ist im Unterschied zu bekannten Urban Gardening-Projekten wie dem Prinzessinengarten in Berlin, Neuland in Köln oder auch Ab geht die Lucie in Bremen keine soziale Gemeinschaft, sondern ein urbane Farm mit mehr oder minder kommerzieller Ausrichtung. Ihr Firmenzweck: niedrigschwellige Beschäftigung für nicht-erwerbsfähige Menschen schaffen. „Die G.I.B. ist ein sozialer Träger, wo Menschen mit und ohne Behinderung zusammenarbeiten. Mir liegt dabei am Herzen, dass es niemals virtuelle Arbeit ist, die nur geschaffen wird, um solche Angebote zu haben, sondern echte, die einen Nutzen nach sich zieht. Das ist im Café Brand so und das ist hier auch so.“

Einnahmen erwirtschaftet die Gemüsewerft beispielsweise durch eine Kooperation mit der Bremer Braumanufaktur, die mit dem auf dem Bunker sprießenden Hopfen im letzten Jahr eine Biersorte gebraut hat, an deren Flaschenverkauf die Gemüsewerft mitverdient. In Kürze werden auch die Restaurants Canova und Jon Luk Gemüse der Gröpelinger Stadtfarm beziehen. Aber auch mit Dienstleistungen verdient das Projekt Geld: Gerade erst hat die Gemüsewerft auf der Dachterrasse des Bamberger Hauses einen Garten angelegt, der nun als sozialer Kontaktpunkt von Freiwilligen gepflegt wird.

Auch ganz andere Kooperationen sind entstanden. Die Hochschule für Künste tummelt sich beispielsweise in diesem Semester auf der Gemüsewerft. „So soll das sein“, kommentiert Michael. „Wir sind ein offenes Gelände, auf dem vieles möglich wird. Im Bunker wollen wir perspektivisch sogar gediegene Abendessen organisieren.“

Nicht nur das übrigens. Im Bunker werden bald auch Pilze gezüchtet. Daher gehen wir zum Abschluss unseres Treffens auch mal hinunter in das Überbleibsel des Zweiten Weltkrieges. Ich bekomme Gänsehaut, weil es unglaublich kalt ist. Aber auch unheimlich beklemmend. „Ruhe bewahren“ ist noch an den Wänden zu lesen und ich denke nur eins: Ruhe bietet die grüne Freiheit oberhalb dieses Bunkers, hier unten fällt selbst mir das ohne tatsächliche Bedrohung schwer.

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Und in Zukunft?

Insgesamt zehn Jahre steht der G.I.B das Gelände in Gröpelingen pachtfrei zur Verfügung. Auf die Frage, wie es wohl weitergehen wird, antwortet Michael optimistisch: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir uns in zehn Jahren verzehnfacht haben. Aktuell gibt es Überlegungen, in der Überseestadt ein Fußballfeld-großes Gelände zu bewirtschaften.“ Letztlich geht es Michael bei all dem um eins: die städtische Verdichtung aufzuhalten. Er sieht sich zwar nicht als großen Weltverbesserer, aber richtig fühlt sich da alles für ihn an. Und so hadert er auch nicht mit dem, was er tut, sondern widmet sich Schritt für Schritt seinen nächsten zielen. Eines ist dabei sehr konkret:

„Ich möchte einen Trecker!“