Es gibt einen Mann, der hat in Bremen Spuren hinterlassen – obwohl er hier nie gewohnt hat. Er begegnet uns in den Wallanlagen, neben Bürgerschaft und Rathaus, am Weserufer. Er hat das wohl bekannteste Wahrzeichen unserer Hansestadt geschaffen und hätte dafür vielleicht sogar eine eigene Skulptur verdient. Doch anstatt sich ein Denkmal setzen zu lassen, hat er lieber selbst modelliert. Die Rede ist von Gerhard Marcks.

Keine Ahnung, wie viele Plastiken Marcks zu Lebzeiten (1889-1981) kreiert hat. Aber im Bremer Gerhard-Marcks-Haus stehen mehr als 400 davon (die meisten im Keller, aber trotzdem sichtbar). Nun habe ich mich gefragt: Warum um alles in der Welt hat dieser Marcks in Bremen ein eigenes Haus, wenn er doch nie hier gewohnt hat? Und wenn darin Hunderte Skulpturen stehen – warum war ich noch nie drin, um sie mir anzusehen? Immerhin fahre ich auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag an dem weißen Haus direkt neben der Kunsthalle vorbei. Richtig aufgefallen ist es mir aber erst, als Bauarbeiter ein Gerüst entlang der Fassade aufgebaut haben und eine Plane aufhängten, auf der stand: Geschlossen, aber nicht weg! Das war vor 14 Monaten.

lovebremen_gerhard-marcks-haus_2126

Jetzt eröffnet es nach dem großen Umbau, der das Haus unter anderem durch den Einbau eines Fahrstuhls barrierefrei und moderner Technik umweltfreundlicher gemacht hat, wieder neu, und es hat sich einiges getan! Das sehe selbst ich, obwohl ich nie im Gerhard-Marcks-Haus war: Der Bereich zwischen den Säulen, zu dem man über einige wenige Treppenstufen gelangt, wurde verglast. Hier befindet sich nun der neue Eingang zum Museum für moderne und zeitgenössische Bildhauerei. Die Maßnahme dient zum einen als Klimaschleuse und zum anderen dazu, die Sichtbarkeit zu erhöhen. Das ist gut, denn: Zuvor habe ich einen Eingang zu dem Haus nie bewusst wahrgenommen. Vielleicht lag das daran, dass er sich an der Seite befand.

lovebremen_gerhard-marcks-haus_1927

Durch den neuen verglasten Eingangsbereich blinzle ich in die neugestalteten Räume des Museums – und werde neugierig. Nicht, dass ich mich besonders für Bildhauerei interessiere. Aber ein Besuch des Gerhard-Marcks-Hauses scheint sich schon alleine der Architektur wegen zu lohnen: Die neuen, bodentiefen Glasfenster bieten einen neuen Blick auf die Umgebung. Das muss ich mir näher ansehen.

Treffen mit Arie Hartog, Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses. Er steht direkt vor dem neuen Glaseingang, neben dem verspiegelten Würfel, der künftig als Empfangstresen dienen wird. Wer als Besucher das Museum betritt, befindet sich also bereits direkt in der Ausstellung. Und kann sich dann Raum für Raum Bildhauerkunst ansehen, nicht nur von Gerhard Marcks.

lovebremen_gerhard-marcks-haus_1983

Arie Hartog ist seit 2009 Direktor des Hauses, doch der gebürtige Holländer hat hier als Student bereits in den 80ern gearbeitet, war anschließend wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kurator des Museums. Gegründet wurde es aber bereits etwas früher und zwar basierend auf der Idee von Gerhard Marcks persönlich, sein Werk in einer Stiftung unterzubringen. Weil er gut mit Gerhard Busch, dem damaligen Kunsthallen-Direktor, konnte; und weil Bremen ein großes Interesse daran hatte, den Schöpfer der Stadtmusikanten stärker in das kulturelle Angebot der Stadt aufzunehmen, entschied sich der gebürtige Berliner tatsächlich für die Stadt an der Weser für den Sitz seiner Stiftung. Die ehemalige Ostertorwache wurde umgebaut, und 1971 eröffnete das Museum, das zunächst ausschließlich Skulpturen von Marcks zeigte.

Ok, genug der historischen Fakten. Arie Hartog, was war Marcks wohl für´n Typ?

Gute Frage. Ich glaube ich kenne ihn so gut, dass ich – wie das bei Freunden der Fall ist – auch seine negativen Charaktereigenschaften kenne. Marcks war prinzipiell, streng und hatte einen sehr trockenen Humor. Ich glaube, dass wir nicht mit einander gekonnt hätten, dass er aber froh wäre, dass sich inzwischen ein Holländer um sein Erbe kümmert und viel aber nicht alles, was er gesagt hat, ernst nimmt.

Wieso?

Nun ja, die Deutschen gehen immer etwas vorbelastet an die Deutung künstlerischer Werke heran. Ich glaube, Marcks ist froh, dass ich als Holländer, aber auch generell, sehr unvoreingenommen und neugierig bin, wenn es um seine Kunst geht. Man sollte sich Zeit nehmen für Kunst und vor allem Neugier lernen, etwas neu betrachten und diskutieren.

Was begeistert Sie denn so an Marcks? 

Mich begeistert der Gehalt seines Werks. Es ist sowohl modern als auch in der Tradition verhaftet und wer versucht, beide Elemente zu verstehen, begibt sich auf einer Entdeckungsreise. Spannend finde ich, dass Marcks jedes einzelne Werk als ein Problem betrachtete (wie verbindet man übersichtliche Form und lebendige Natur). Bewundernswert finde ich seine Disziplin (wie schafft man sonst 1.200 Skulpturen), seinen Scharfsinn und seine Auffassung von Bildung (es geht nicht darum, was man weiß, sondern darum, dass man es immer noch verstehen will).

Sie sind sogar einmal bis nach Iowa in den USA gefahren, um sich dort seine Werke anzuschauen.

In einer kleinen amerikanischen Universitätsstadt im mittleren Westen befindet sich die größte Marcks-Sammlung in den USA. Seine Schülerin Marguerite Wildenhain, die als Jüdin 1933 Deutschland verlassen musste, hat die wichtigen Werke aus ihrer Sammlung, die Sie im Exil in den Niederlanden und später USA mit sich genommen hat, der dortigen Universität gestiftet.

Und hier, direkt vor Ort – welche ist Ihre Lieblingsskulptur?

Keine Frage: die Bremer Stadtmusikanten. Da ist es Marcks gelungen, ein Symbol für eine Stadt zu schaffen. Günter Busch, der Direktor der Kunsthalle Bremen, war 1950 in den USA und kam mit der Idee, dass Bremen ein Maskottchen brauchte – und Marcks hat genau das geschaffen.

Nun muss man wissen: Die Stadtmusikanten waren zunächst nur eine Leihgabe. Dann sammelte der Bremer Verkehrsverein 20.000 Euro von den Bürgern ein, um sie behalten zu können. Ein lächerlicher Preis verglichen mit dem hohen touristischen Wert von Esel, Hund, Katze und Hahn heute.

lovebremen_gerhard-marcks-haus_2067

Die Stadtmusikanten im Miniaturformat stehen auch im ersten Stock des Gerhard-Marcks-Hauses – der einzigen Etage, auf der zur Eröffnung etwas von dem Künstler zu sehen sein wird. An der Wand daneben ist ein Spruch angebracht:  Das ist mein Mann, der sich durch das Modegeschrei des Jahrhunderts nicht kirre machen lässt. Ein Zitat von Marcks-Freund und Kunsthallen-Direktor Günter Busch. Es leitet die neue Ausstellungsreihe Kosmos Marcks ein, die in sieben Teilen wechselnde Skulpturen des Künstlers zeigen. Aktuell gibt es dort zum Beispiel charmante Tierfiguren zu sehen.

Unten, im hellen, großzügigen Erdgeschoss, werden Skulpturen des französischen Künstlers Vincent Barré ausgestellt. Zum allerersten Mal sind seine Objekte in Deutschland zu sehen – unter dem Titel Géométrie bâ(s)tarde. Die riesigen Plastiken aus Metall, Holz und anderen Materialien sagen mir als Laien erst einmal: nichts. Aber auf den zweiten Blick wird deutlich, dass die Objekte in ihrer Form an menschliche Körperteile wie etwa Lunge, Wirbelsäule und Herz erinnern. Eine Vermenschlichung geometrischer Formen.

img_1913

Kann man von halten, was man will. Was jedoch gelingt, ist: Das Zusammenspiel mit den neuen Räumlichkeiten. Denn die großen Objekte machen die Großzügigkeit der Ausstellungsräume erst erfahrbar.

Es liegt wahrscheinlich nicht am Werk des Künstlers oder etwaiger Langeweile, dass ich während des Rundgangs aber am liebsten aus dem Fenster schaue. Denn: die Bodentiefe Verglasung macht den Besuch des Museums zum echten Erlebnis. Im Anbau des Gebäudes schaut man nun auf die Wallanlagen und kann das rege Treiben draußen mit der angenehmen Stille drinnen genießen.

Das gilt auch für die Sitzecke im Obergeschoss direkt vor dem großen Fenster, von dem das einen bislang nie dagewesenen Blick über den Skulpturengarten hinweg auf den Goetheplatz und das Theater Bremen ermöglicht.

lovebremen_gerhard-marcks-haus_1965

Also: Selbst wenn man mit Skulpturen überhaupt nichts anfangen kann, lohnt sich der Besuch des Museums allein des tollen Ausblicks wegen. Ein Geheimtipp für Stadtführungen mit angereisten Freunden ist das neue Gerhard-Marcks-Haus also allemal. Und wer sich dem Thema Bildhauerei nähern möchte, kann das in zahlreichen Veranstaltungen tun: Etwa am Donnerstag, 6. Oktober, wenn Performance-Künstlerin Birgit Ramsauer, die übrigens im Pavillon im Skulpturengarten ausstellt, gemeinsam mit Arie Hartog über Kunst spricht. Oder bei verschiedenen Zeichnen-Angeboten sowie Filmabenden im Oktober und November.

Zur Eröffnung am 2. Oktober wird Arie Hartog jede Stunde eine kleine Führung anbieten. Am 3. Oktober gibt es zudem freien Eintritt.

Also: Ich mag´s. Und ich bin mir sicher, Gerhard Marcks auch.

Allgemeine Öffnungszeiten: Dienstag und Mittwoch sowie Freitag bis Sonntag 10-18 Uhr,
Donnerstag 10-21 Uhr. Montag Ruhetag (ausgenommen 3.10.2016, da ist eintrittsfreier Tag der offenen Tür). Ermäßigter Eintritt für alle ab 18 Jahren (darunter frei): 5 Euro, wer das Museum zusätzlich unterstützen möchte zahlt 10 Euro. Jeden ersten Donnerstag im Monat gibt es freien Eintritt. Weitere Infos zum Programm unter www.marcks.de