Geht Euch das manchmal auch so? Ihr kommt nach Hause, nach einem langen Tag im Büro, fallt auf das Sofa und starrt auf Eure Hände. Hände, deren Finger vor allem über Smartphone-Bildschirme und Computertastaturen fliegen, den ganzen Tag, bis sie abends zur Fernbedienung des Fernsehers greifen. Hände, die nicht in Erde wühlen, nicht auf Holz hämmern, nicht das Hack für die nächste Burger-Bulette kneten. Die nichts machen, das wirklich ans Machen erinnert, das schweißtreibende, kreative, handwerkliche Machen, wie man es aus der Hornbach-Werbung kennt.

Robert Frisinger, Christoph Lange und Til Rochow kennen dieses Gefühl. Und sie wollen das ändern. Indem sie Machen einfach machen.

Die drei sitzen an einem Tisch bei Kalle in der Neustadt. Teambesprechung. An der Wand am Eingang steht das Wort „Machen“, weiß auf schwarz, hell erleuchtet. Der Personalberater, der Unternehmensberater und der Filmproduzent haben jahrelang gemacht und getan, meistens für andere, selten für sich selbst. Einmal, da wollten sie aus diesem Kreislauf ausbrechen, wollten selbst etwas aufbauen und ein Startup für Studienfinanzierung ins Leben rufen. Doch dann kam die Finanzkrise, und die Pläne landeten in der Schublade bei all den anderen Ideen, für die sie keine Zeit, und viel häufiger noch: keinen Raum hatten.

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Craftspace: Die Vorgeschichte

Robert, Christoph und Til kennen sich seit Studienzeiten. Til hat in Maastricht International Management studiert, und eines Abends eine Party geschmissen, und Robert und Christoph hatten gerade nichts vor und Lust zu feiern und sind überraschend dort aufgetaucht. „Wir wollten sozusagen die Party crashen“, sagt Robert lachend. Statt Ärger gab es Bier, viel Bier, und schnell wurden sie Freunde, die später zusammen Hockey spielen und zu Werder ins Stadion fahren und die eine oder andere Idee aushecken sollten. „Wir lebten sozusagen in friedlichen Co-Existenzen“, meint Christoph. Bis auf einmal diese neue Idee da war.

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Alles begann mit Hot Dogs

Nun muss man wissen: Til, 35, Doktor in Wirtschaftswissenschaften und langjähriger McKinsey-Unternehmensberater, macht hervorragende Hot Dogs. Nicht diese Würstchen in labbrigen, vom Gurkenwasser und Ketchup durchnässten Dinger, die man im schwedischen Möbelhaus hinterhergeschmissen bekommt. Sondern vollwertige kulinarische Genüsse, die er selber als Next Level Hot Dogs bezeichnet. Weil er sich für Unternehmensgründungen begeistert, entschloss er sich eines Tages, einen Food-Truck aufzumachen und die Hot Dogs unter dem Namen Holy Dogs in seiner Heimatstadt Hamburg anzubieten.

Den Foodtruck fand er schnell, doch irgendwo musste er die Saucen und Salate vorproduzieren, und die heimische Küche war dafür zu klein. „Ich brauchte eigentlich eine Produktionsküche, die ich für etwa fünf Stunden die Woche mieten konnte“, erinnert sich Til. „Doch es war superschwierig, etwas zu finden. Vor allem zu Preisen, die bezahlbar waren.“ Das Problem: Er musste alle Restaurants in seiner Nähe abklappern und anfragen. „Da fiel mir auf: Wie vielen muss es schon wie mir ergangen sein! Es müsste eine zentrale Sammelstelle für solche Orte geben.“ Also rief er die beiden Bremer Christoph und Robert an, gemeinsam entwickelten sie ein Konzept – und gründeten Craftspace.

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Das Vermittlungsprinzip

Die Online-Plattform dient als Vermittler zwischen jenen, die auf der Suche nach Raum für die Umsetzung ihrer kreativen Ideen sind und jenen, die solche Räumlichkeiten anbieten. Letztere – etwa Bar- oder Restaurantbetreiber, Werkstattinhaber und viele weitere – können sich kostenlos bei Craftspace präsentieren, mit Fotos, kurzem Text und Preisen für die Nutzung. Potenzielle Nutzer können sehen, welche Gastro-, Werk- und Kreativräume sich in ihrer Nähe befinden, und können sie bei Bedarf ähnlich dem Airbnb-Prinzip über Craftspace mieten. Das Startup erhält dann eine kleine Provision für die Organisation, Versicherung und Rechnungsabwicklung. Am Ende profitieren alle davon, betont Til: „Zum einen verschaffen wir einen flexiblen Zugang zu Werkstätten, Küchen und Ateliers, für den man keinen langfristigen Mietvertrag unterschreiben muss. Und zum anderen helfen wir Betrieben ihre Räume zwischenzeitlich zu vermieten, sie besser auszulasten und so zusätzliche Einnahmen zu erzielen.“ Geldverdienen an Ruhetagen, sozusagen.

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Gastro-, Werk- und Kreativräume

Das Angebot gibt es für Bremen, Hamburg und Berlin. Mehr als 100 Locations finden sich bereits auf der Seite, und es werden immer mehr. In Bremen sind derzeit 34 Anbieter in den Kategorien Arts, Craft und Food dabei, zum Beispiel das Café Radieschen in der Neustadt, Rock & Wurst im Viertel, die Gruppe für Gestaltung mit ihrer ID-Werkstatt, Christian Lamour mit Büroplätzen und Metallwerkstatt, die Kaffeerösterei Cross Coffee, einige Ton- und Fotostudios, Montagehallen und Schmuckateliers. „Wir sind absolut begeistert über die große Resonanz“, freut sich Christoph. „Bremen hat eine sehr aktive Kreativen-Szene.“

Auch Saskia Behrens von der CoWerkstatt Kalle ist als Anbieterin dabei. „Ich war sofort sehr angetan von der Idee“, sagt sie. Denn die Vermittlung ihrer Werkstatt sei immer mit einem hohen organisatorischen Aufwand verbunden. „Wenn mir das durch Craftspace abgenommen wird, dann ist das eine enorme Entlastung.“ Der positive Nebeneffekt: „Ich kann mich stärker auf meine eigentlichen Aufgaben konzentrieren.“ Sie glaube daran, dass das Konzept in Bremen aufgeht.

Auch die drei Gründer hoffen darauf – schließlich liegt Teilen ja derzeit voll im Trend. „Klar sind wir jetzt erst einmal ins Risiko gegangen“, sagt Til. Denn er und Robert haben ihre Jobs aufgegeben, um sich voll und ganz ihrem Startup zu widmen, und Christoph wird weniger Zeit für seine Filmproduktionsfirma in Berlin haben. Außerdem haben sie bereits mehrere Zehntausend Euro in das Vorhaben investiert. „Aber ich glaube, dass es sich lohnt. Weil die Leute wieder mehr selbst produzieren wollen, und es eine ganz andere Wertschätzung für Handgemachtes gibt. Es geht darum, dass man auch mal andere Sinne befriedigt, dass man sich selbst ganz neu erlebt.“ Und auch darum, Chancen zu bieten für junge Gründer, die sich mit ihren Ideen erst einmal unter geringem finanziellen Risiko ausprobieren wollen.

Räume für Workshops, Kleinunternehmer und Hobbykünstler

Ob zum Bierbrauen, Handwerken, Schneidern, Backen; für Workshops oder Veranstaltungen: Durch Craftspace bekommen die Bremer jetzt auch einen bislang seltenen Einblick in die Produktionsräume vieler bekannter Betriebe. „Wir öffnen praktisch Türen, die bislang eigentlich verschlossen waren“, sagt Robert. Deswegen sei das Logo des jungen Unternehmens auch eine Art Schlüssel.

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Sie selber wollen auch von dem System Gebrauch machen. Robert etwa, 37, schraubt seit seinem 15. Lebensjahr an seiner Vespa herum und kann so nun auch mal auf professionelles Arbeitsgerät zurückgreifen. „Und wer weiß, vielleicht bau ich ja auch nochmal mein Urban-Gardeding Projekt aus“, meint er lächelnd. Bislang beschränkt sich der Kohlrabi-Anbau auf einen knapp vier Quadratmeter kleinen Kasten auf seinem Balkon.

Auch Til ist froh, dass er bei handwerklichen Projekten zukünftig ein paar Stunden für kleines Geld in einer Werkstatt arbeiten kann. „Mir ist es ziemlich oft passiert, dass ich den Parkett- oder Balkonboden angebohrt habe.“ Vor allem können er, Christoph und Robert nun endlich machen. Einfach machen.

Habt Ihr auch so ein Projekt, das Ihr immer schon einmal umsetzen wolltet? Dann schaut doch einfach mal bei Craftspace rein – vielleicht ist ja das Passende dabei. Und berichtet uns gerne, was draus geworden ist! 

 

Fotos: Craftspace (1)/Tobias Meyer