Laut knirscht Sand zwischen den Gleisen, als sich die Straßenbahn durch die schmale Straße im Steintorviertel schiebt. Der Charme des Viertels lacht mir in Form von bunten Kiosken, vergilbter Streetart und leeren Bierflaschen entgegen. Hier muss ich richtig sein. Auf der Suche nach echtem Bier. Ein Blick nach rechts, ein Mann schüttet sich gerade die letzten Tropfen Oettinger in seinen Rachen und entsorgt die braune Flasche geräuschvoll auf dem Gehsteig. Ich bin genau richtig, merke ich zufrieden, verlasse die Welt der Straße und betrete durch eine orange-gerahmte Automatik-Tür die Welt des Hopfens.

Dunkler Holzboden, nostalgisch-gelbe Mustertapete. Von Möbelstücken strahlt mir ein besonnenes Orange entgegen, das an die lebensbejahende Architektur der 80er Jahre erinnert. Ein Klonkrieger blickt finster aus seinem Bilderrahmen auf die orange Haartrockner-Konstruktion im Eingang. Ein Ort, der Leidenschaft verkaufen kann. Und Bier. „Ganz viel Bier“ sogar, wenn man der herzlichen Willkommensschrift am Eingang vom Brolters Glauben schenken kann. Soviel vorweg: Man kann.

Craft Beer statt Einheitsmasse

Eingebettet in Details der guten alten Zeit finden sich in den Regalen von Brolters über 250 verschiedene Biersorten, die sich alle unter dem Kunstnamen Craft Beer tummeln dürfen. Kein Bier ist wie das andere – das verraten schon die teils ausgefallenen Etiketten-Designs und Produktkonzepte, die genau eines versprechen: Echtes Bier von echten Liebhabern. Becks wird man hier vergebens suchen. „Es gibt über 200 verschiedene Hopfensorten auf der Welt, aber für die klassischen deutschen Biere werden nur drei verwendet“, erklärt mir Kalli vom Brolters. Craft Beer-Brauereien dagegen verwenden häufig exotischere Hopfensorten und alternative Produktionsprozesse, sodass der geschmackliche Unterschied von Craft Beer zu der „Einheitsmasse der Industriebiere“ enorm ist, wie Kalli augenzwinkernd erzählt.

Zusätzlich zu den Grundzutaten werden zudem häufig exotische Ingredienzien verwendet. Da eilt Kalli unter dem Blick des kleinen T-Rex, der bedrohlich und kunststoffhaltig über das Bier wacht, durch die Regalreihen und präsentiert mir stolz eine Bierflasche mit knallgelbem Etikett. Würste und Weißkohl sind darauf gedruckt, der Schriftzug Sauer’d Krauts offenbart seinen Geist. Kein Bier etwa, das exklusiv für Deutsche produziert wird, sondern ein Craft Beer mit Aromen von Mango, Ananas und – wer ahnt es – Sauerkraut. „Für Leute, die ein eher saueres Bier mögen, ist Sauer’d Krauts eine super Wahl“, wird mir erklärt. Den Weißkohl schmecke man eher sehr subtil raus, entscheidend sei die fruchtige Säure. Wem Sauerkraut-Bier zu intergalaktisch vorkommt, kann an dem Star-Wars-Plakat im Laden vorbei zu bodenständigeren Sorten gelangen.

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Ein Lieblingsbier von Kalli enthält ein weiches Blaubeeraroma, manch ein Bier Holunder, ein anderes Weißkohl. Die meisten Biere werden ganz traditionell mit Malz und Hopfen gebraut, andere Sorten wiederum werden in alten Rumfässern gelagert. Fluch und Segen zugleich ist in dieser Hinsicht paradoxerweise das Deutsche Reinheitsgebot: Dieses erlaubt nämlich, wie Arne schon berichtet hat, nur die Grundzutaten Wasser, Malz, Hopfen und Hefe im Endprodukt. In den dunklen Zeiten, wo dem schelmischen Bierbrauer nichts besseres einfiel, als alte Kloake in das frisch gebraute Bier zu gießen, war das Reinheitsgebot sicher sinnstiftend. Bei den heutigen Standards und Produktionsabläufen ist es für manch alternativen Brauer eher ein Fluch: So darf jedes Bier, was zum Beispiel Beeren, Rum oder Sauerkraut enthält, in Deutschland nicht als Bier verkauft werden. Über den Sinn lässt sich streiten – über den Geschmack aber nicht. Entscheidend ist für mich nämlich viel eher, diese neuen Wege zu gehen, und nicht in den eingefahrenen Pfaden der Brauart von großen Konzernen zu verharren. Ein Weg, der einem neue Geschmackswelten offenbart. Ob das bierhaltige Biergetränk dann Bier genannt werden darf oder nicht, erscheint mir trivial. Der T-Rex würde mir zustimmen.

Brolters Sortiment – mehr als Sauerkraut und Blaubeere

Einen Schwerpunkt in puncto Geschmack haben sich Brolters mit einer großen Auswahl an Pale Ales und Indian Pale Ales geschaffen. Einst für nach Bier lechzende, britische Kolonialherren in Indien entworfen, die das Indian Pale Ale mit seinem höheren Hopfen – und Alkoholgehalt auch nach langer Seefahrt genießen wollten, gliedert sich die Sorte nun brav zwischen die über 250 verschiedenen Biere bei Brolters. Einen Verkaufsschlager stellt zum Beispiel der Prototyp aus der Kehrwieder Kreativbrauerei in Hamburg dar. Würzig und bodenständig. Auch ein lokales Bier aus Bremen ist vertreten: Bier aus der freien Brau Union in Walle.

 

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Häufig erklärt sich das Sortiment auch durch die enge Kooperation zwischen Einzelhandel und Brauereien. „Die Szene hat relativ flache Hierarchien“, erzählt mir Kalli über die Craft Beer Gemeinschaft in Deutschland. Das ermöglicht die Entwicklung neuer Ideen und vor allem eines Netzwerks, dass die entstehende Szene um das geliebte Getränk wachsen lässt. So auch die Szene in Bremen: Immer mehr Leute setzen in Bremen auf den authentischen Geschmack von Bier. Lokal probiert, lokal gekauft. Ohne das Brolters wäre einem im Viertel kaum erst der Genuss von Craft Beer möglich. Oder habt ihr zum Probieren schonmal Craft Beer online bestellt? Aber selbst wenn, shame on you, Brolters ist mehr als ein Ort des Biers – er offenbart jedem vorbeigehenden Biertrinker und Oettinger-Liebhaber die Welt von echtem Bier. Riskiert ruhig einen Blick hinter die Flasche.

Fotos und Titelbild: Philipp Nöhr