Liebstes Bremen!

In Gedanken an dich bin ich ständig unterwegs. Bei dir habe ich so viel Zeit auf dem Fahrrad verbracht. Durch den Schnee nach Walle, bei Sonnenuntergang am Deich oder in der Hitze des Sommers zum Werdersee. Bei dir war ich betrunken, beglückt, wütend oder weinend. Gespannt oder aufgeregt, wild und dickköpfig, frei und abenteuerlustig und erfrischt durch deine kühle Brise am morgen. Ich vermisse das spontane Miteinander und die Nähe zu meinen Freunden, die ungeplanten Tanznächte und Parties. Ich vermisse mein Büro am Dobben und das Yoma.

Aber eines bleibt mir in ganz besonderer Erinnerung: Ich denke, viele Bremer und vor allem die Viertelaner haben diesen ganz besonderen Ort zu schätzen und leben gelernt. Den alten Coffee Corner – ein Ort, der KleinBremen zusammengehalten hat. Und das nicht nur, weil es dort die schokoladenreichsten Muffins gab, sondern vor allem, weil er von zwei überaus warmherzigen Menschen geleitet wurde, Susanne und Oliver. Man könnte rückblickend meinen, dass die beiden die Herbergseltern für ein Haufen schwererziehbarer Heranwachsender waren. Sie boten uns einen warmen Platz, an dem es morgens nach Kaffee, mittags nach Suppe und nachmittags nach Cookies roch. Oft konnten wir auch nach Ladenschluss bleiben. Egal ob Geburtstag oder Jubiläum, es wurde immer ein Anlass gefunden, gemeinsam mit der Viertelgemeinschaft in und vor dem Coffee Corner zu feiern. Ich genoss die sonntägliche Frühschicht. Ich genoss es, die Zigarettenkippen, Flaschen und Hamburgertüten vor den Füßen der nach-Hause-huschenden Partygäste wegzufegen. Ich genoss es, die frischgebackenen Bagels in den kühlen Tresen zu legen, so dass die Scheiben beschlugen und meine bezaubernde Kollegin und ich ungesehen singen und tanzen konnten.

Der Coffee Corner hat mich dir näher gebracht, aber er hat letztendlich auch dazu beigetragen, dass ich dich verlassen musste. Denn 2008 traf ich, aus Frankreich zurückgekehrt, in diesen Räumlichkeiten einen holden, blonden Jüngling, der nun gereift und oft unrasiert unsere gemeinsame Tochter durch die Straßen von Berlin trägt.

Liebstes Bremen! In Gedanken tanze ich immer noch auf deinen Tischen und lasse mir von deiner norddeutschen Brise den Kopf erfrischen.

in Liebe

Deine Ann-Kathrin

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Ann-Kathrin Radtke hat insgesamt 11 Jahre in Bremen verbracht – einmal von 2003 bis 2007 und von 2008 bis 2015. Jetzt lebt Ann-Kathrin seit Mai 2015 mit Ihrem Freund und ihrer Tochter im Prenzlauer Berg in Berlin.