Beitrag von Sofie Buchwald

Durch Bremen weht der Geist des Wandels – und zwar in Form eines neuen Gesetzes: Bremen ist nun das erste und einzige Bundesland, das es gestattet, die Asche Verstorbener beispielsweise im eigenen Garten auszubringen. Eine Novum, das kontrovers diskutiert wird. Zum Beispiel jüngst auf einer Veranstaltung im Rahmen der Messe ‚Leben und Tod’ in den Bremer Messehallen. Beiträge aus dem Publikum sind dabei ausdrücklich erwünscht. Eine Französin meldet sich bald zu Wort und staunt über die Reglementierungssucht hierzulande. In Frankreich, berichtet die Frau, sei es schon lange ganz unbürokratisch möglich, Verstorbene zu verstreuen. Die sterblichen Überreste ihres Vaters hätte die Familie etwa in den Bergen verteilt. Das sei „wunderschön“ gewesen, beteuert die Französin, sie seien den ganzen Tag gewandert und hätten dabei immer etwas Asche verstreut: „Ein Auge ’ier und eine Fuße da…“.

Ganz schön locker, diese Fanzosen! Aber auch auf der Bremer Messe ist man bemüht, dem schweren Thema mit etwas mehr Leichtigkeit zu begegnen. Neben vielen Info- und Beratungsständen werben bunte Särge hier, kunstvolle Urnen da und super-bequeme Leichenwagen für einen aufgeschlosseneren Umgang mit dem Ableben. Ich werde auf einen Stand aufmerksam, dessen Angebot sich nicht auf den ersten Blick erschließt. ‚Goodbye Friends‘ steht auf den Prospekten, die ein spezielles Internet-Portal anpreisen. Das Prinzip: Bereits zu Lebzeiten hinterlegen die künftig Verstorbenen ihr digitales Vermächtnis quasi online: Sprachnachrichten, Videobotschaften, Briefe. Im Falle eines Falles erreichen die Dokumente dann in Windeseile Freunde auf der ganzen Welt. „Wir sind ein ganz junges Start-up-Unternehmen!“, strahlen mich die beiden Erfinder der Plattform euphorisch an, als hätte ich soeben den Weltfrieden verkündet.  Sie wollen, dass ich ihre revolutionäre Idee auf Facebook „like“. Hm, ich weiß nicht. Ist vielleicht eher ‚was für die Digital Natives…

Wirklich ansprechend dagegen sind die vielen hübschen Urnen an einigen Ständen, die durchaus auch als Designer-Vasen durchgehen. „Eigentlich doch fast zu schade, so etwas zu vergraben“, bemerke ich an einem Stand mit keramischen Kunst-Urnen. „Aber nein!!!“, widerspricht mir die ältere Dame am Messestand energisch. „Darum geht es doch gerade! Oder möchten Sie etwa in einer hässlichen Urne bestattet werden?“ – Ich weiß nicht, ob ich das möchte. Ich weiß nur, dass ich mein ästhetisches Empfinden mit dem Tod endet und antworte deshalb, dass mir wurscht ist, wie meine Urne aussieht. Die Frau sieht mich verständnislos an. Ich nutze ihre Verblüffung und behaupte wahrheitsgemäß, dass eine mir nahestehende Person in einem schlichten Tuch und gänzlich ohne Sarg bestattet werden möchte. „Aber das gibt es doch nur im Orient!“, entgegenet die Urnenverkäuferin schrill. Alles klar, der Geist des Wandels ist hier noch nicht vorbeigekommen. Ich schlendere mal weiter.

Ein ulkiges Video, das für die Herstellung synthetischer Edelsteine aus Totenasche wirbt, zieht mich zunächst in seinen Bann: Aus einem schmucken Ring steigt nebulöser weißer Dampf auf, aus dem sich wiederum eine Art Slide-Show mit Porträts von Menschen und Hunden materialisiert. Ein Diamant aus Asche? Also…nö. Ich finde, das hat was von Norman Bates. Man muss auch loslassen können… Etwas weiter ist einer der größten Ausstellungsstände der Messe: Es geht um Feuerbestattungssärge, die allsamt individuell bunt bedruckt werden können. Zum Beispiel mit Bildern aus der Jugend oder Fotos mit lokalpatriotischer Note. Na, das kommt doch bestimmt gut an! Das Bremer Weltkulturerbe mit Rathaus und Roland, darunter der Schriftzug: Bremen forever!

Lokalpatriot