Als ich Anke kennenlernte, fiel mir eines an ihr besonders auf: ihr aufmerksamer Blick. Zunächst irritierte er mich ein bißchen  – selten noch wird man heute so klar und lange aus wachen Augen angeschaut. Meine Irritation war aber bald verflogen, denn schnell wurde mir klar, dass Ankes Blick für eben das steht, was ein wertvolles Gut geworden ist: für echte positive Neugierde auf das Leben und die Menschen, die ihr begegnen. Und sicherlich ist diese Neugier eine der Antriebsfedern, die Anke zwei Mal in die Vergangenheit katapultierten, um aus ihr ein Sachbuch für Kinder zu machen.

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Endres, der Kaufmannssohn. Vom Leben in einer mittelalterlichen Hansestadt” heißt das zweites Werk der Bremerin. Die Bezeichnung “Werk” ist in diesem Falle genau die richtige, hat sie das Buch doch nicht nur getextet, sondern auch vollständig illustriert. Stunden, Monate, Jahre hat sie mit den Händen gewerkelt. Tintenfässer geleert, Pergament auf seine Struktur untersucht, Skizzen gemacht und überklebt, gemalt und gezeichnet… Mit vielen liebevollen Details, die der mittelalterliche Buchmalerei entlehnt sind, hat sie auf 64 Seiten den Alltag einer Hansestadt zum Leben erweckt und durch Kinderaugen betrachtet. Mehr dazu seht Ihr auch in einem Beitrag von buten un binnen.

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“Irre”, sagt sie immer noch, wenn sie über ein Exemplar von “Endres” streicht und dabei auf die vergangenen dreieinhalb Jahre zurückblickt. Obwohl bereits ihr erstes Buch ein großer Erfolg war, das sogar für den Deutsche Jugendliteraturpreis nominiert war, spürt man, dass das zweite Buch trotzdem eine ganz neue persönliche Reise als Künstlerin war und das Gepäck erneut die typischen Gedanken enthielt, die man als kreativ arbeitende Frau mit zwei Kindern im Alter von 7 und 10 eben hat: Schaff ich es wieder? Habe ich den langen Atem, den ich brauche? Reicht das Geld zum Leben? Aber es scheint ein klein bißchen leichter geworden zu sein, das Gepäck. Oder sie stärker. Lobende Worte von Kritikern waren daran sicher nicht ganz unschuldig:

Wilhelms Reise lässt sich wunderbar anschauen, die Bilder sind liebevoll gemalt und historisch genau bis ins Detail. Es ist, als blättere man in einem alten Fotoalbum, das ganz nebenbei noch technische, medizinische und kulturelle Hintergründe erläutert.” (Die Zeit)

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Für ihre beiden Bücher ist Anke, die von Hause aus Kulturwissenschaftlerin ist, zur Historikerin geworden. Für “Endres” saß sie Stunde um Stunde im Archiv der Hansestadt Lübeck. Da ich selbst Historikerin bin, kann ich sagen: Sich durch mittelalterliche Quellen und zeitgenössische Publikationen zu wühlen, vermag schon manchmal ermüdend sein, wenn man das Fach studiert. Dass Anke das freiwillig auf sich nimmt, kann nichts anderes als echte Leidenschaft für Vergangenes bedeuten. Geweckt wurde diese Leidenschaft bei ihr, während sie ein Praktikum im Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven absolviert. Dort war sie unter anderem für die Führungen für Kindergeburtstage zuständig und hat ein Kartenspiel zum Thema Auswanderung entwickelt. Zack, war es um sie geschehen. “Ich hab mich damals ins Thema verguckt” sagt sie. Ihr erstes Buch “Wilhelms Reise” war daher auch – na, was wohl? Ja, eine Auswanderergeschichte für Kinder. Und das dritte Buch, das ihr im Kopf umherspukt, wird ebenfalls vergangene Zeiten in den Blick nehmen – allerdings Zeiten, die viele Großeltern noch erlebt haben.

Liebe zum Bremer Viertel

Ankes Welt in Bremen spielt sich vor allem im “Viertel” ab. Hier lebt sie, hier arbeitet sie. Vom szenigen Stadtteil war sie bereits begeistert, bevor sie 2007 von Hildesheim nach Bremen zog. Inzwischen bezeichnet sie sich selbst als “bewusste Wahlbremerin” (yeah! Da reihe ich mich ein!). Was ihr genau an Bremen gefällt, will ich wissen. Sie muss nicht lange überlegen: “Neben der Nähe zum Fluß mag ich es, dass viele verspielte Details im Viertel, aber auch in anderen Stadtteilen, zu mehr Achtsamkeit animieren. ” Da ist er wieder – ihr genauer und neugierige Blick!

Mit ihrer Familie wohnt sie in der Humboldtstraße, über deren Vielfalt sie schnell ins Schwärmen gerät. “Da ist es so grün und es gibt von allem etwas in einer ungewöhnlichen Mischung.” Recht hat sie, tummeln sich in der 30er-Zone zwischen Dobben und St. Jürgen-Straße doch Kindergarten neben Sauna-Club, Kirche neben koreanischer Karaokebar, Bestattungsinstitut neben Bäckerei. Der Weg zur Arbeit ist für Anke ist zu Fuß schnell absolviert: Ihr Atelier, das sie sich mit zwei anderen Künstlerinnen teilt, liegt direkt neben dem Lageraus in der Schildstraße. “Dass ich dort einen Platz übernehmen konnte, war ein ganz besonderes Glück in meinem Leben”, erinnert sie sich. “Ich brachte meine Tochter gegenüber immer in die KiTa und habe jedes Mal überlegt, wie es wohl wäre, dort zu arbeiten.”

Wie ich es immer tue, wenn ich Bremer Kreativköppe besuche, bringe ich Euch von dort ein paar Tipps für Orte und Erlebnisse in Bremen mit. Auch Anke hat mir verraten, was ihre Lieblingsunternehmungen sind.

Best of Bremen by Anke Bär

  • ein Besuch im Kinderbuchladen “Leseland
  • Natur erleben im Stadtwald, z. B. bei einer Schnitzeljagd mit ihren Kindern
  • eine Mittagspause im Vengo
  • im Spanger Holz (bei Verden) Pilze suchen
  • eine Radtour zum Hof Kaemena machen
  • auf Klamottensuche im Laden “Tadellos” gehen