Beitrag von Sofie Buchwald

Die aktuelle Sonderausstellung „Ey Alter!“ im Universum dreht sich ums Altern – und auch um die Chancen und Herausforderungen, die sich durch den demografischen Wandel in der Arbeitswelt ergeben. Sofie hat Euch gestern schon berichtet, wie sie und ihre jüngere Begleitung die Ausstellung erlebt haben. Sie wollte es aber noch genauer wissen und hat sich mit dem Alternsforscher Prof. Christian Stamov Roßnagel zum Interview getroffen.

Herr Stamov Roßnagel, Sie lehren und forschen an der Jacobs University Bremen im Fach Organisationspsychologie und beschäftigen sich unter anderem mit demografiesensibler Personalarbeit. Was ist das genau?

Demografiesensible Personalarbeit ist eigentlich nur gute Personalarbeit, die anerkennt, dass Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen systematisch unterschiedliche Bedarfe an Unterstützung und Förderung haben – und die diese Bedarfe auch deckt. Typische Schlagwörter sind hier: Lebenslange Weiterbildung, altersgemischte Teams, transgenerationales Wissensmanagement. Diese Themen bearbeiten wir, immer gemeinsam mit Unternehmen, die uns zu den Themen Fragen stellen. Wir versuchen vor allem, die Interventionsforschung voranzutreiben. Sie zielt darauf ab herauszufinden, wie man Personalarbeit so verändern kann, dass Beschäftigte während ihres gesamten Berufslebens gesund und leistungsfähig bleiben.

Wann ist ein Mensch im Berufsleben alt?

Wenn Sie jetzt eine Banalität hören wollen: Der ist so alt, wie ihn das Unternehmen, die Vorgesetzten, oder er sich selbst macht. Weniger plakativ: Natürlich gibt es kein scharfes Grenzalter. Es hat sich eingebürgert, ab Mitte 60 von den jungen Alten zu sprechen. Ab Mitte 70 sind es dann die mittelalten Alten und ab 85 die alten Alten. Sprich, wenn Sie objektive Maße – Kurzzeitgedächtnis, Konzentrationsfähigkeit – nehmen, dann fangen so ab Mitte 60 die Alterungsvorgänge an, sich in unserem Gehirn in einem Ausmaß bemerkbar zu machen, dass man echte Unterschiede zu den Jüngeren bekommt. Die Grenze für ältere Beschäftigte hat sich hier in Deutschland aber um die 50 eingependelt. Was komplett willkürlich ist.

Welche Faktoren machen denn alt?

Eine Größe, an der wir das zeigen können, ist das Altersklima. Man kann in Unternehmen messen, wie werden Beschäftigte im Schnitt gesehen: „Bei uns gelten ältere Beschäftigte als…“ Und dann legt man bestimmte Eigenschaften vor, von „stimme sehr zu“ bis „stimme gar nicht zu“. Die Klassiker sind: Die Älteren sind erfahrungsstark, entscheidungsstark, dafür weniger innovationsfreundlich. Das Profil des typischen Älteren kann sich jedoch bei unterschiedlichen Unternehmen sehr stark unterscheiden. Wir können zeigen, dass sich dieses auch darauf auswirkt, wie Vorgesetzte die Leistung von Beschäftigten beurteilen. Bei Unternehmen mit einem schlechteren, defizitorientierten Altersklima, sehen wir, dass Leute schon ab 45 als älter gelten. Bei Unternehmen mit einem positiven Altersklima findet man solche Unterschiede nicht.

Gibt es typisch alternsfeindliche Branchen?

Ich würde mich der Wertung enthalten. Die eher defizitorientierte Sichtweise ist in der produzierenden Industrie verhältnismäßig ausgeprägt, weil da hinzukommt, dass Beschäftigte häufiger geringere Bildungsgrade haben und zusätzlich körperlich belastende Tätigkeiten. Das verschleißt den Körper. Tatsächlich wird mit der Zeit die Wahrnehmungsfähigkeit schlechter – was man aber durch Training ausgleichen kann. Aber so gesehen, ist die Arbeit in der produzierenden Industrie nicht besonders alternsfreundlich.
Man hat schon vor Jahrzehnten Untersuchungen angestellt, dass manche Berufe als jugendlicher gelten als andere. Klassiker: IT.
Der junge IT-Frickler und Nerd ist weniger gewöhnungsbedürftig als wenn man sagt, unser IT-Mensch ist Mitte 40. Da giltst du eben mit knapp über 40 schon relativ alt. Das klassische Vorurteil: Die Digital Immigrants, die kommen nicht mehr mit, was  totaler Unsinn ist. Wenn man arbeitswissenschaftliche Untersuchungen betrachtet: Die Jungen sind auch nicht immer effizienter oder besser.

Stimmt es eigentlich, dass 40 das neue 30 ist?

Ich weiß nicht, ob man das wirklich objektiv untersucht hat oder ob das die gefühlte Realität ist, wie eine der vielen gefühlten Realitäten, die wir in diesem Bereich haben. Trainingsdaten zeigen, dass es ohne weiteres möglich ist, durchschnittliche 60-jährige auf das Leistungsvermögen normaler, durchschnittlicher 40jähriger zu bringen. Man kann Leute 20 Jahre jünger machen. Teilweise sogar noch mehr. Es gibt eine schöne Trainingsstudie von 2013: Da wurde eine Gruppe von 60 bis 85-jährigen zwölf Stunden lang, über vier Wochen verteilt, trainiert. Danach war diese Gruppe von Älteren leistungsfähiger als durchschnittliche 20-jährige. Das Gehirn hat viel Reservekapazität, die man durch geeignetes Training nutzen kann. Unser Gehirn passt sich den Anforderungen an, die wir an es stellen.  Insofern kann man mit 60 fit sein, man kann auch greisenhaft sein. Wenn du nicht viele Anforderungen, keine großen Impulse hast, immer auf dem gleichen Gleis entlang rollst…klar, dann baust du ab. Vielleicht sind heute 60-jährige leistungsfähiger als vor 20 Jahren – das mag auch mit veränderten Anforderungen zu tun haben…

Wo könnte man denn ansetzen, um ein alternsfreundlicheres Klima zu schaffen?

Alter hat ein schlechtes Markenimage. Gleichzeitig haben keine Waffengleichheit mit den Markenartiklern. Die Werbeindustrie hat was weiß ich wie viel 100 Millionen Euro zur Verfügung, um das Image von Zigaretten, von Spinat, von Autos in verschiedene Richtungen zu bewegen. Beispielsweise hat es ein Autohersteller geschafft, sein Markenimage vom Fahrer-mit-Hut-Image zu Vorsprung-durch-Technik komplett zu drehen. Mit viel Werbe- und Kommunikationsdruck. Wo findet so etwas für das Alter statt? Da gibt es ein paar gut gemeinte Broschüren von den üblichen Ministerien und ein paar Organisationen, aber eine richtige Lobbyarbeit findet kaum statt. Da wäre ein Ansatzpunkt, um muffige Vorstellungen herauszukriegen aus den Köpfen.

Im Endeffekt geht es darum, weniger das Alter an sich in den Vordergrund zu stellen, sondern zu fragen: Habe ich die Dinge selbst in der Hand oder lasse ich mit mir machen. Auch die Jungen: Je mehr sie mit sich machen lassen und je weniger sie zu Gestaltern werden, umso mehr sind sie in 15 oder 20 Jahren dann die Alten, die sagen: Hilfe, ich fühle mich ohnmächtig und überwältigt und dem Schicksal überlassen. Dahin sollte der Zug gehen: Vergleichsweise autonom sein und Dinge selbst in die Hand nehmen. Damit müsste man im 21. Jahrhundert eigentlich in den Schulen anfangen.