Gestrandet ist jemand, wenn er in einem alten Apfelfass an irgendeinen menschenlosen, weißen Sandstrand mit azurblauem Wasser gespült wird. Das Fass, Relikt des in der Nacht zerborstenen, ehemals stolzen Schiffes. Vielleicht ein schöner Schoner mit Besanmast und roten Segeln…

Aber fern der Weltmeere und beinahe typisch für mich, strandete ich nicht auf einer fernen Südseeinsel mit Palmen und Kokosnüssen, sondern mitten auf dem europäischen Festland – am Bremer Airport.

Aber alles der Reihe nach…

Ich hatte jüngst einen Kurztrip nach Paris geschenkt bekommen. Besser gesagt sollte es ins Disney Land Ressort vor den Toren der französischen Hauptstadt gehen. Fragt euch nicht, was ausgerechnet ich in Disney Land sollte…so war es nun einmal. Flug und Sitzplatz standen fest und so schwang ich mich euphorisch an der Domsheide in die Linie 6 Richtung Flughafen. Für Reisende hat der City Airport Bremen nämlich den Vorteil, dass dieser innerhalb kürzester Zeit mit Öffis und Auto zu erreichen ist und nicht wie bei vielen anderen deutschen Städten weit vom Centrum entfernt liegt.

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Die Linie 6 zum Flughafen. © Philipp Nöhr

Ich stieg also am Flughafen aus und freute mich auf den Check-In. In Gedanken schon in Paris schaute ich noch kurz auf die Anzeigetafel im Eingangsbereich, als mich prompt der Schlag traf. Die Tafel offenbarte mir die Information, dass mein Flieger bereits in der Luft sei. „Aber ich bin doch pünktlich!“, dachte ich bei mir. Ich räusperte mich kurz, blinzelte leicht nervös und schaute auf meine Uhr. „Ja, sogar überpünktlich.“, sagte ich laut.

In diesem Moment fiel mir auf, dass sich der Sekundenzeiger an meiner Uhr nicht bewegte. Ich tippte aufs Uhrglas, wie ich es aus Filmen kannte. Ich wette, noch niemand hat Uhren so wieder zum Laufen gebracht. Nichts tat sich. In mir entwickelte sich ein großes, schwarzgraues Gefühl der Ohnmacht. Die logische Gewissheit, dass eine noch so sauteure Uhr irgendwann stehen bleibt, wenn sie mit Batterien betrieben wird, manifestierte sich.

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„Ach, du Scheiße…“ © Philipp Nöhr

Der SOLL-Zustand: Unleckere Aufwärmkost mit kostspieliger Cola im lederbezogenen Sitz. Der IST-Zustand: Ich hatte tatsächlich meinen Flug nach Paris verpasst. Und stand noch immer wie angewurzelt vor der Anzeigentafel in der Abflughalle. Was nun?

Zitroneneis – ich brauchte Zucker! Der Schock saß tief, als ich mich mit zittrigen Knien und zartem Nervenkostüm an die Eisbar des Café Rosso schleppte und mit erstickter Stimme „Zitroneneis…bitte…!“ nuschelte.

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Ich brauchte Nervennahrung. Das Zitroneneis kam mir gerade recht. © Philipp Nöhr

Zu meinem Glück schaltete die freundliche Verkäuferin hinter dem Tresen schnell und zauberte mir in nullkommanix ein Eis in die Hand.

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Ein Eis, nachdenken und die nächsten Schritte planen. © Philipp Nöhr

Etwas beruhigter schleckte ich bedächtig an meinem Eis. Es galt nun, die nächsten Schritte zu planen. Da ich kein Geld für ein anderes Ticket hatte, und mein Stolz es mir verbot mit der Nachricht „Ich hab meinen Flug verpasst!“ wieder zu Hause auf der Matte zu stehen, musste ich mir einen Plan B ausdenken. Irgendwie würde ich nach Paris kommen.

Um mir Inspiration zu holen besuchte ich die Dachterasse des Flughafens. Mein Blick schweifte über die ruhenden Flugzeuge auf dem Rollfeld.

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Auf der Aussichtsplattform kriegt man viel von den Abläufen auf dem Flughafen mit… © Philipp Nöhr

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…und ein Eis an der frischen Luft schmeckt sowieso immer. © Philipp Nöhr

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Der weite Blick auf das Flugfeld ließ etwas Zuversicht in mir aufkeimen. © Philipp Nöhr

Mich fröstelte es etwas und so ging ich wieder hinein. Die Bremenhalle direkt neben der Terrasse war geöffnet. Ich ging hinein und entdeckte eine alte Junkers von 1928, wie mir eine Infotafel verriet.

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Eine alte Junkers W33 aus dem Jahr 1928. Die Haut dieses Flugzeugs besteht nur aus dünnem Aluminiumblech. © Philipp Nöhr

Dieses Flugzeug aus alten Zeiten, als die Pioniere der Luftfahrt waghalsige Träume hatten und es den Beruf als Pilot nur für einige wenige gab. Sicher hatten die Piloten von damals alles gezeigt bekommen. Wie man die Maschine wartet, in welche Richtung man den Steurknüppel ziehen und drücken musste, damit die Maschine gehorchte. Aber eine 3-jährige Berufsausbildung, wie es die heutigen Pilotenanwärter durchstehen, mussten sie damals bestimmt nicht absolvieren. Ich dachte darüber nach.

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In der Bremenhalle ging ich mit weitem Blick in mich. © Philipp Nöhr

In mir keimte eine Idee, die mein Problem des Festsitzens lösen könnte. Aber noch war ich nicht bereit.

Der Abend dämmerte. Ich entschloss mich, meine Idee über Nacht reifen zu lassen und gab mich den bequemen Bänken in der Abflughalle hin.

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Die Bänke in der Abflughalle waren mein Lager in dieser Nacht. © Philipp Nöhr

Der morgige Tag sollte zeigen, ob ich mit hängendem Haupt nach Hause gehen sollte.

Wie meine Odysee weitergeht, lest ihr hier.